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11-08-08
Schutzmantel der Seele


Viele Menschen überwinden Katastrophen und Schicksalsschläge ohne psychische Folgen. Woher sie ihre Kraft beziehen, untersucht ein neuer Zweig der Psychologie, die Resilienzforschung.


Den Erdbebenopfern in China, die alles verloren haben, prophezeit man einen steinigen Weg. Die Kinder des österreichischen Inzestdramas werden ihr Leben lang unter Traumata leiden. Das glaubt man auch ohne Psychologiestudium zu wissen. Aber stimmt das denn wirklich? Es muss nicht sein, sagt ein neuerer Zweig der Psychologie, die Resilienzforschung. Diese fragt: Warum bewältigen manche Menschen schwere Schicksalsschläge oder das Aufwachsen unter widrigen Umständen so viel besser als andere? Warum tragen die einen aus schweren seelischen Belastungen psychische Schäden davon, wo andere an solchen Krisensituationen wachsen?

Neue amerikanische Untersuchungen zeigen, dass nach potenziell traumatischen Ereignissen − Verlust einer geliebten Person, schwere Krankheit, Terroranschlag − über fünfzig Prozent der Betroffenen Resilienz zeigen. Mehr als die Hälfte der untersuchten Personen, die sich am 11. September 2001 in der Nähe des World Trade Center befanden, litten unter keinen posttraumatischen Symptomen oder Depressionen. Ähnliche Befunde ergaben Tests mit Brustkrebspatientinnen vor und nach der Bestrahlung.

Die Gesundheitsforschung begründet und den Begriff der Resilienz als Erste geprägt hat die amerikanische Psychologin Emmy Werner bereits in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. In einer Langzeitstudie mit 700 Kindern auf der hawaiischen Insel Kauai zeigte sie nicht nur, dass Armut, Krankheit, Gewalt oder Scheidung die Entwicklung der Kinder negativ beeinflussen, sondern auch, dass sich ein Drittel der Kinder trotz allem positiv entwickelte. Daraus folgerte Werner, dass psychische Widerstandsfähigkeit nicht trotz Krisen, sondern aus ihnen heraus entsteht.


KZ-Grauen ohne Folgen

Eine ähnliche Schlussfolgerung erlaubt eine Untersuchung von Aaron Antonovsky. Der amerikanisch-israelische Medizinsoziologe stufte ein Drittel der von ihm untersuchten weiblichen KZ-Überlebenden trotz ihrer Vergangenheit als gesund ein.

Heute geht die Psychologie nicht mehr von einer einfachen Kausalität zwischen Schicksalsschlägen und Resilienz aus. Vielmehr fragt sie nach den Ressourcen, die generell die psychische Widerstandsfähigkeit fördern – ohne dass man eine Extremsituation erlebt haben muss.

Was zeichnet ein Kind aus, das Hürden überwindet, statt an ihnen zu straucheln? «Resiliente Kinder liefern sich nicht einfach aus, sondern wissen, dass sie ihr Leben gestalten können», sagt der Psychologe Heinz Krautter vom Kinderspital Zürich. «Sie haben einen starken Realitätssinn, können gut abwägen, was wichtig ist, und stecken sich erreichbare Ziele.» Zentral sei das Konzept der Selbstwirksamkeit: das Gefühl zu haben, etwas bewirken zu können. Probleme lösen sie erfinderisch, sie knüpfen leicht soziale Kontakte und wissen, von welchen Leuten sie Hilfe erwarten können.

Förderlich ist nicht nur ein Elternhaus, wo ein Kind Verantwortung zu übernehmen lernt und man ihm etwas zutraut, förderlich sind auch Bezugspersonen ausserhalb. Rollenvorbild könne ein Lehrer, die Grossmutter, eine Nachbarin sein, sagt Psychologe Krautter: «eine verlässliche und vertrauenswürdige Person, die für das Kind da ist und seine Begabungen fördert».

Die Scheidung der Eltern macht ein solches Kind zwar traurig, aber es erlebt sie nicht als Verlust; die Eltern gehen ihm ja nicht verloren. So wächst das Vertrauen in die eigene Kraft. Diese Erfahrung kann bei Belastungen als Puffer wirken, so dass man einen Schicksalsschlag überwindet. Gerade im therapeutischen Rahmen, sagt die Berner Psychologin Corinna Hermann, ist es wichtig, auf solche Erinnerungen zurückzugreifen. Trotzdem ist Resilienz nicht etwas, das man, einmal erworben, für immer besitzt. Hermann: «Niemand ist immun gegen Leid.»

Man nannte sie anfangs noch «Superkids», unterschied zwischen «Stahl- und Glaskindern» und sprach von «Unverwundbarkeit». Davon sei man längst abgekommen, sagt Friedrich Lösel, Psychologieprofessor an der Universität Erlangen, der Resilienz bei Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen und zwischen Paaren untersucht hat: «Jeder Mensch ist verwundbar und kann in jedem Lebensalter eine seelische Störung entwickeln.» Resilienz sei keine Eigenschaft, «sondern ein Prozess, der sich wechselseitig zwischen einem Individuum und seinen Möglichkeiten und den sozialen Angeboten seiner Umwelt abspielt».

Ein Mensch, der als Kind robust war, überwindet eine Krise als Erwachsener nicht automatisch. Mädchen, die sich als resilienter erwiesen als Knaben, sind es oft nicht mehr in der Pubertät. Gut möglich, dass das Entführungsopfer Natascha Kampusch, ein Beispiel für psychische Widerstandskraft, an späteren Frustrationen schwerer trägt.

Wenn Unglück stärkt, vermindert dann Verwöhntwerden und Wohlstand die psychische Widerstandsfähigkeit? Kinder, die in einem Schonraum aufwachsen und denen man keine Grenzen setzt, gelten als weniger belastbar. Die Psychologin Corinna Hermann veranschaulicht es an einem Beispiel: «Wenn ein Kind ständig in die Schule gefahren wird, nimmt man ihm die Chance, sich selbständig zu bewegen und an sozialen Prozessen teilzuhaben. Es muss sich mit schwierigen Situationen nicht auseinandersetzen.»


Verwöhnen ist schädlich

Resilienz kann durch ein Gemeinschaftsgefühl wachsen. Fachleute sagen, nach dem Tsunami habe man posttraumatische Störungen relativ selten gesehen. Fremdverursachte Katastrophen machen widerstandsfähiger, wohingegen nach einer Vergewaltigung die Frage «Warum gerade ich» die Verarbeitung erschwert. Auch in der Gruppe erfahrenes Leid stärkt Bindungen wie im Fall der Familie, die nach dem Suizid eines Sohnes zusammenrückt und im tragischen Ereignis sogar einen Sinn erkennt: Man ist sich näher gekommen und sieht sich nicht mehr nur als Opfer. Schon der Wiener Psychiater Viktor Frankl (1905–1997) hat gesagt, was auf resiliente Menschen besonders zutrifft: Das Leben lasse sich unter schwierigen Bedingungen am besten bewältigen, wenn man ihm einen Sinn abgewinne.

Von den Überlebenden des 11. September 2001 litt nur eine Minderheit unter posttraumatischen Symptomen.



Quellen / Links:

www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/schutzmantel_der_seele_1.802901.html

 

Fliß, C., Igney, C. (Hrsg.): Handbuch Trauma und Dissoziation – Interdisziplinäre Kooperation für komplex traumatisierte Menschen

Pabst, 384 Seiten, ISBN 978-3-89967-475-0

 

Grünke, M.: Resilienzförderung bei Kindern und Jugendlichen in Schulen für Lernbehinderte

Pabst, 268 Seiten, ISBN 978-3-89967-086-8

 

Krisor, M., Wunderlich, K. (Hrsg.): Gerade in schwierigen Zeiten: Gemeindepsychiatrie verankern

Pabst, 248 Seiten, ISBN 978-3-89967-298-5









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