Der Soziologe James A. Evans von der University of Chicago ist der Frage nachgegangen, ob die zunehmende Verfügbarkeit von Wissenschaftspublikationen im Internet Rückwirkungen auf die Forschungsarbeit selber hat.
Bei der statistischen Auswertung vieler Millionen wissenschaftlicher Artikel, die in den letzten Jahren in Fachzeitschriften erschienen, wurde er tatsächlich fündig. Je verbreiteter Online-Publikationen würden – sowohl die frei zugänglichen wie jene, die nur Abonnenten zur Verfügung stehen –, umso kleiner sei die Zahl der Referenzen, auf die ein Artikel verweise, und umso seltener würden ältere Beiträge zitiert.¹
Evans leitet diesen Befund unter anderem aus einer breitangelegten Auswertung der Quellenverweise in 26 Millionen Artikeln ab, die in Journalen erschienen, welche spätestens im Jahr 2006 online waren, und weiteren 8 Millionen Artikeln, die darauf Bezug nahmen. Er stellt zwar fest, dass die Zahl von aus Journalen zitierten Artikeln zwischen 1965 und 2005 zugenommen habe, nicht zuletzt weil wissenschaftlich mehr publiziert worden sei. Der Online-Zugang habe diese Entwicklung jedoch nicht angetrieben – im Gegenteil. Die Zahl der zitierten Artikel habe in den Journalen sukzessive abgenommen, je länger diese online zugänglich gewesen seien. Die Auswertung ergebe, dass jedes zusätzliche Online-Jahr statistisch die Zahl der zitierten Artikel um 14 Prozent reduziert habe. Zudem gerieten ältere Artikel in den Hintergrund. Auch konzentrierten sich die Verweise innerhalb der rückläufigen Zahl von zitierten Artikeln auf einen kleineren Kreis von Arbeiten – eine Entwicklung, die durch die zunehmende Verwendung von Hyperlinks noch verstärkt werde.
Zwar verweist der Soziologe auch darauf, dass neue Publikationsmöglichkeiten des Internets wie Wissenschaft-Blogs nicht in die Untersuchung einbezogen worden seien. Dennoch glaubt er aus seinen Auswertungen ablesen zu können, dass die Verlagerung vom Durchblättern von und Lesen in Zeitschriften zur Online-Suche eine Konzentration auf jüngere und öfter zitierte Quellen ergebe. Viele weniger direkt auf das Thema bezogene Artikel würden dadurch nicht mehr beachtet. Damit bestehe auch die Gefahr, dass die Online-Publikationen die Wissenschafter mehr dazu verleiteten, sich dem Mainstream anzupassen, was zu einem rascheren Konsens in einem Fachgebiet führen könne – und abweichende Meinungen rascher vergessen lasse.
¹ Science 321, 395–399 (2008)
Quellen / Links:
www.nzz.ch/nachrichten/medien/verengen_online-publikationen_den_horizont_1.795110.html