Die Diagnose einer Zwangsstörung basiert bisher allein auf den Angaben des Patienten. In Zukunft könnte, wenn auch wohl nur in klinischen Studien, die Diagnose auch mittels Kernspintomografie gestellt werden. Denn die Patienten haben laut einer Studie in Science (2008; 321: 421-422) eine Unterfunktion in einem für die Entscheidungsfindung wichtigen Abschnitte der Großhirnrinde.
Etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung leiden unter Zwangsstörungen. Gegen ihren Willen haben sie das Gefühl, sich ständig waschen zu müssen (Waschzwang), Herdplatten und Gashähne zu prüfen (Kontrollzwang), Dinge nach absurden Regeln zu ordnen (Ordnungszwang) und so weiter. Sie sehen ein, dass ihre Handlungen keinen Sinn machen, können sich aber nicht dagegen wehren.
Zwangsstörungen treten häufig familiär gehäuft auf. Die Forscher vermuten deshalb eine genetische Störung, die vermutlich mit einer Entwicklungsstörung im orbitofrontalen Cortex einhergeht. In dieser Region des Stirnhirns werden Entscheidungen getroffen und das Verhalten an neue Situationen angepasst. Dass Menschen mit Zwangsstörungen hier Probleme haben, zeigt sich in einem Test zum sogenannten reversen Lernen.
Dabei werden den Probanden beispielsweise Gesichter auf einem Monitor gezeigt, und sie müssen herausfinden, wer ein Paar bildet. Nach jedem Versuch erhalten sie die Antwort „richtig“ oder „falsch“. Wenn sie die Paare herausgefunden haben und sechsmal richtig genannt haben, wird die Zuordnung verändert. Die Probanden müssen neu lernen. Gefordert ist dabei eine „Verhaltensflexibilität“, die vielen Menschen mit Zwangsstörungen fehlt. Es gelingt ihnen nur schwer, die einmal gelernte Zuordnung der Dinge zu ändern.
Samuel Chamberlain von der Universität Cambridge hat den Test mit 14 Patienten mit Zwangsstörungen, 12 ihrer nahen Verwandten ohne manifeste Zwangsstörung und 14 Menschen ohne positive Familienanamnese gemacht. Die Probanden lagen dabei in einem Kernspintomografen, der die Hirnaktivität anhand des Sauerstoffverbrauchs im Gehirn misst. Der Vergleich zweier Bilder vor und während eines Tests zeigt, welche Hirnareale für den Test aktiviert wurden (funktionelle Kernspintomografie, fMRI).
Bei den Kontrollpersonen ging das reverse Lernen mit einem Anstieg der Aktivität im orbitofrontalen Cortex einher. Es kostete sie Energie, sich auf die neue Situation einzustellen, aber es gelang ihnen. Bei den Patienten mit Zwangsstörungen, aber auch bei den Verwandten, blieb die Aktivierung des orbitofrontalen Cortex aus.
Die fMRI könnte deshalb nicht nur benutzt werden, um die Erkrankung zu erkennen, sie wäre auch geeignet, Menschen mit einem erhöhten Risiko zu erkennen. Für den klinischen Alltag ist die Methode viel zu aufwendig. Für klinische Studien, etwa bei der Suche nach Medikamenten, käme sie aber durchaus infrage.
Quellen / Links:
www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp
G. Gielen, S. Bracht, H. Reinecker: Ich bezwinge meine Zwang – Auseinandersetzung mit einem Waschzwang
Pabst, 192 Seiten, ISBN 978-3-89967-223-7
Streichel, M.: ICH BIN SCHULD und das ist auch gut so – Mein Weg der Heilung
Pabst, 204 Seiten, ISBN 978-3-89967-410-1