04-07-08
Wenn die Seele nach einem Schock aus den Fugen gerät

Posttraumatische Belastungsstörung kann verschiedene Ursachen haben
Ob jemand nach einem schockierenden Ereignis an einer posttraumatischen Belastungsstörung erkrankt, hängt nicht nur von der Art des Traumas ab. Neue Hinweise sprechen dafür, dass dabei auch hirnanatomische und molekulare Faktoren eine Rolle spielen dürften.
Traumatische Erlebnisse wie zum Beispiel jene im Fall Amstetten - in der niederösterreichischen Kleinstadt hatte ein Vater während 24 Jahren seine Tochter im Keller versteckt gehalten, missbraucht und sieben Mal geschwängert, wie im April bekanntgeworden war - können die Psyche so stark erschüttern, dass die Betroffenen schwere seelische Wunden davontragen. Eine häufige Folge solcher psychischen Extrembelastungen stellt - neben Depressionen, Angstzuständen und körperlichen Schmerzen - die posttraumatische Belastungsstörung dar. Bei den Leidtragenden handelt es sich häufig um Opfer oder Zeugen von Gewaltverbrechen an Menschen, etwa Folter, Geiselnahmen, Vergewaltigungen, Überfällen und Terroranschlägen. Aber auch Verkehrsunfälle und Naturkatastrophen können das seelische Gleichgewicht nachhaltig aus dem Lot bringen. Von einer posttraumatischen Belastungsstörung spricht man allerdings nur, wenn die Betroffenen das schockierende Ereignis beständig wiedererleben und zugleich alles unternehmen, um nicht mehr daran erinnert zu werden.
Die Gefahr der Vereinsamung
An die Details der erschreckenden Vorkommnisse können sich die Patienten vielfach aber nur noch ungenau entsinnen; bei einigen sind die Geschehnisse sogar ganz aus dem Bewusstsein verschwunden. Aus Angst, erneut in vergleichbare Situationen zu geraten, verlassen einige Patienten kaum noch das Haus und vereinsamen immer mehr. Auch andere häufige Symptome bergen das Risiko der sozialen Isolation. Dazu zählen vor allem emotionale Stumpfheit und Gleichgültigkeit gegenüber den Gefühlen anderer Menschen. Eine weitere typische Folge der Traumatisierung ist ein dauerhafter Erregungszustand, der häufig zu Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit und Konzentrationsschwäche führt.
Wie leicht die menschliche Psyche nach einem erschütternden Ereignis aus dem Gleichgewicht gerät, hängt von verschiedenen Einflussfaktoren ab. Ausschlaggebend ist dabei aber immer das Gefühl, einer bedrohlichen Situation hilflos ausgeliefert zu sein, also keinerlei Kontrolle mehr ausüben zu können. Wie Ulrike Ehlert von der Abteilung für klinische Psychologie und Psychiatrie der Universität Zürich erläutert, führen gewisse Erlebnisse bei den meisten Personen zu einer posttraumatischen Belastungsstörung, andere hingegen nur bei einer Minderheit. So betrage die Erkrankungsrate bei wiederholter Folter und anderen Formen kontinuierlicher Misshandlung über 80 Prozent und bei sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung rund 50 Prozent. Demgegenüber führten Verkehrsunfälle in weniger als 10 Prozent der Fälle zu einer posttraumatischen Belastungsstörung.
Ausser von der Art des Traumas wird das Erkrankungsrisiko noch von einer Reihe weiterer Faktoren beeinflusst. Begünstigt wird die Entstehung des Leidens etwa durch einen niedrigen sozioökonomischen Status, geringe kognitive Fähigkeiten und mangelnde soziale Unterstützung. Kinder sind zudem grundsätzlich mehr gefährdet als Erwachsene. Auch erkranken Frauen etwa doppelt so oft wie Männer. Weshalb das weibliche Geschlecht häufiger posttraumatische Störungen erleidet als das männliche, ist allerdings noch unklar. So könnten Frauen öfter erschütternde Situationen erleben als Männer, psychisch anfälliger sein und im Ernstfall weniger soziale Hilfe erhalten. Denkbar wäre aber auch, dass Frauen eher einen Arzt aufsuchen und daher häufiger statistisch erfasst werden.
Massgeblich beeinflusst wird die seelische Widerstandskraft darüber hinaus von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen. In einer mehrjährigen Untersuchung haben Ehlert und ihre Kollegen zwei Eigenschaften identifiziert, die der Ausbildung einer posttraumatischen Belastungsstörung den Weg bereiten. Als besonders ungünstig erwiesen sich dabei eine feindselige Grundhaltung sowie das Unvermögen, die persönlichen Ziele mit Selbstvertrauen zu verfolgen und zu verwirklichen. Fast die Hälfte aller Erkrankungsfälle liess sich allein auf diese beiden Charakterzüge zurückführen. Umgekehrt blieben Personen mit positiver Lebenshaltung und zielstrebige Teilnehmer von den schädlichen Folgen traumatischer Ereignisse weitgehend verschont. Wie die Zürcher Psychologin vermutet, besitzen solche Menschen möglicherweise mehr sozialen Rückhalt als feindselige und ineffiziente Personen und könnten daher eher in der Lage sein, erschütternde Erlebnisse zu bewältigen.
Hirnanatomische Ursachen?
Von grossem Interesse für die Wissenschafter ist zudem die Frage, welche Spuren traumatische Erlebnisse im Gehirn hinterlassen. Denn von einer Aufklärung dieser Zusammenhänge erhoffen sie sich wertvolle Impulse für die Entwicklung neuer Therapien. Aufschlussreich sind vor diesem Hintergrund die Ergebnisse einer Untersuchung, in der die gesundheitlichen Auswirkungen kriegsbedingter Hirnverletzungen näher beleuchtet wurden. Wie sie nämlich zeigen, waren einige der in die Studie einbezogenen Kriegsversehrten trotz schwersten psychischen Erschütterungen nicht an einer posttraumatischen Belastungsstörung erkrankt. Unter diesen befanden sich auffallend viele Soldaten, bei denen ein Kopfschuss die im Schläfenbereich des Gehirns gelegenen Mandelkerne beschädigt hatte. Dieser Neuronenverbund ist Teil des limbischen Systems und steuert unter anderem Emotionen wie Angriffslust und Furcht.
Auch der an die Mandelkerne angrenzende Hippocampus wurde mehrfach mit der Entstehung einer posttraumatischen Belastungsstörung in Verbindung gebracht. So geht aus etlichen Untersuchungen hervor, dass das für die Gedächtnisfunktionen bedeutsame Hirnareal bei Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung oft ausgesprochen klein ist. Ob es sich dabei aber um eine Ursache oder eher eine Folge der seelischen Verwundung handelt, lässt sich noch nicht beantworten. Für beide Annahmen gibt es Indizien. Laut den Ergebnissen einer Zwillingsstudie, in der jeweils nur eines der genetisch identischen Geschwister einem traumatischen Erlebnis ausgesetzt war, ist die Grösse des Hippocampus erblich bedingt und könnte daher die Entstehung der Erkrankung begünstigen. Andere Beobachtungen weisen allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Wie zudem Andreas Maercker von der Abteilung Psychopathologie und Klinische Intervention der Universität Zürich und seine Kollegen festgestellt haben, nimmt der Hippocampus nach einer erfolgreichen Psychotherapie an Grösse zu. Laut Maercker deutet dies daraufhin, dass die - krankheitsbedingten - Schrumpfungsprozesse reversibel sind. Welche Faktoren zur Regeneration des Hippocampus beitragen, ist allerdings noch unklar. Nicht ausgeschlossen ist, dass neuronale Stammzellen dabei eine gewisse Rolle spielen. Denn der Hippocampus gehört zu den wenigen Hirnarealen, die über ein solches Frischzellenreservoir verfügen.
Komplexe Stressreaktionen des Gehirns
Auch auf molekularer Ebene scheint man den Ursachen der posttraumatischen Störung inzwischen etwas näher zu kommen. Zwar beruhen die meisten dieser Erkenntnisse auf tierexperimentellen Untersuchungen und lassen sich somit nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen. Dennoch liefern sie wichtige Einblicke in die komplexen Stressreaktionen des Gehirns. So haben amerikanische Forscher unlängst herausgefunden, dass stressanfällige - aber nicht stressresistente - Mäuse auf psychische Extrembelastungen mit einer übermässigen Ausschüttung des Nervenstoffs «Brain Derived Neurotrophic Factor» (BDNF) reagieren. Erhöhte Mengen dieses Signalmoleküls fanden sie vor allem im Nucleus accumbens, einer unter anderem für emotionale Lernprozesse zuständigen Hirnregion. Unterdrückten die Wissenschafter die Aktivität von BDNF mit Hemmstoffen, nahm die Stresstoleranz der labilen Tiere merklich zu.
Andere Forschergruppen kommen aufgrund ihrer Beobachtungen zum Schluss, dass ein Mangel an Allopregnanolon, einem beruhigend wirkenden Hormon, an der Entstehung posttraumatischer Belastungsreaktionen beteiligt sein könnte. So wiesen in einer amerikanischen Untersuchung traumatisierte Frauen umso geringere Mengen des dämpfenden Botenstoffs in der Rückenmarksflüssigkeit auf, je stärker sie an den Folgen des Traumas litten. Wie zudem die Ergebnisse tierexperimenteller Studien nahelegen, lassen sich die schwerwiegenden Folgen traumatischer Erlebnisse mit Medikamenten, die den Gehalt von Allopregnanolon im Gehirn erhöhen, weitgehend abwenden. Weitere Untersuchungen müssen nun klären, inwieweit sich diese Beobachtungen auch therapeutisch nutzen lassen.
Im klinischen Alltag verspricht derzeit die Psychotherapie den grössten Behandlungserfolg. Auf Arzneimittel greife man in der Regel nur zurück, so erklärt Ehlert, wenn der Patient an weiteren Störungen, etwa Depressionen und psychotischen Zuständen, leide. Wie Maercker allerdings einräumt, sollte die Psychotherapie keinesfalls zu früh erfolgen. Denn die Erfahrung habe gezeigt, dass eine sofortige Konfrontation mit den traumatischen Erlebnissen die Psyche des Patienten übermässig beanspruchen und den Heilungsprozess daher verzögern könne. Zurückhaltung sei nicht zuletzt auch deshalb angebracht, weil die akuten Reaktionen in den meisten Fällen innerhalb weniger Tage bis Wochen von alleine abklängen. In dieser Phase, so Maercker, spiele die Unterstützung von Familie und Freunden eine wesentliche Rolle. Hielten die Symptome aber an, komme man um eine Psychotherapie nicht herum.
Unter den vielen angebotenen Verfahren gibt es allerdings nur wenige, die hinreichend wissenschaftlich untersucht worden sind. Über einen nachweislichen klinischen Nutzen verfügen etwa die kognitive Verhaltenstherapie, die traumaspezifische psychodynamische Therapie und eine «Eye Movement Desensitation Reprocessing» genannte Methode. Auf unterschiedliche Weise versucht man bei all diesen Verfahren, den Patienten von seinen negativen, oft selbstzerstörerischen Gedanken zu befreien und seine Ängste und Selbstzweifel abzubauen.
Auch die bei traumatisierten Patienten häufig zu beobachtenden körperlichen Beschwerden lassen sich psychotherapeutisch angehen - vorausgesetzt, man kennt oder erahnt ihre Ursache. Wie Maercker anmerkt, können etwa bei Frauen unerklärliche Schmerzen im Unterleib auf eine frühere Vergewaltigung zurückgehen. In solchen Fällen sollte der Arzt deshalb hellhörig werden. Aber auch bei vielen anderen Leiden gelte es, eine posttraumatische Störung als Ursache in Betracht zu ziehen, fügt Ehlert an. Neben Depressionen und Panikattacken zählen hierzu vor allem Suchterkrankungen. Denn traumatisierte Personen tragen auch ein besonders hohes Risiko, in eine Drogenabhängigkeit zu gleiten.
Quellen / Links:
www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/wenn_die_seele_nach_einem_schock_aus_den_fugen_geraet_1.774070.html
Claudia Fliß & Claudia Igney (Hrsg.): Handbuch Trauma und Dissoziation – Interdisziplinäre Kooperation für komplex traumatisierte Menschen
Pabst (August 2008), 384 Seiten, ISBN 978-3-89967-475-0
Frommberger, U., Keller, R. (Hrsg.): Empfehlungen von Qualitätsstandards für stationäre Traumatherapie – Indikation, Methoden und Evaluation stationärer Traumatherapie in Rehabilitation, Akutpsychosomatik und Psychiatrie
Pabst, 188 Seiten, ISBN 978-3-89967-375-3
Manfred Zielke, Rolf Meermann, Winfried Hackhausen (Hrsg.): Das Ende der Geborgenheit? Die Bedeutung von traumatischen Erfahrungen in verschiedenen Lebens- und Ereignisbereichen: Epidemiologie, Prävention, Behandlungskonzepte und klinische Erfahrungen
Pabst, 600 Seiten, ISBN 978-3-89967-002-8
Tanja Zöllner, Anke Karl, Andreas Maercker, Edward J. Hickling, Edward B. Blanchard: Manual zur Kognitiven Verhaltenstherapie von Posttraumatischen Belastungsstörungen bei Verkehrsunfallopfern
Pabst, 118 Seiten, ISBN 978-3-89967-111-7
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