Krimis sind nach wie vor in, stellt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels fest. Der Marktanteil von Kriminalromanen beträgt knapp ein Viertel in der Warengruppe Belletristik und liegt damit auf Rang zwei. Auch der Tatort lockt Sonntag für Sonntag rund acht bis neun Millionen Zuschauer vor den Bildschirm.
Da werden Menschen ermordet, entführt, geschlagen oder misshandelt. Was fasziniert Leser oder Zuschauer so sehr an Gewaltverbrechen, warum schauen wir uns brutale Szenen an und lesen grausame Schilderungen? Angstreize gelten psychologisch eher als Auslöser von Flucht- oder Vermeidungsreaktionen. "Angst hat großen Unterhaltungswert", hält Borwin Bandelow von der Psychiatrischen Universitätsklinik Göttingen dagegen.
"Es gibt eine Lust an der Angst. Krimis sprechen unser Angstsystem an. Und wenn man eine Angstsituation unbeschadet übersteht, werden im Gehirn Glückshormone ausgeschüttet", erklärt der weltbekannte Angstforscher und -therapeut. Wie beim Sex, beim Essen oder wenn eine erwartete Bestrafung ausbleibe, springe das Belohnungssystem an und schütte Wohlfühlhormone - Endorphine und Dopamin - aus. "Winston Churchill hat mal gesagt, nichts im Leben löst ein größeres Hochgefühl aus, als beschossen und nicht getroffen zu werden. Das funktioniert auch bei der Simulation von Gefahr", sagt Bandelow.
Krimis, Gruselfilme aber auch viele Märchen zielen auf die Angstlust des Gehirns ab. Den Begriff prägte der britische Psychoanalytiker Michael Balint: Angstlust entsteht durch das Bewusstsein einer realen äußeren Gefahr, der sich der Mensch willentlich in der Hoffnung aussetzt, sie zu bestehen, die Furcht beherrschen zu können und wieder unverletzt in die sichere Geborgenheit zurückzukehren. "Diese Mischung von Furcht, Wonne und zuversichtlicher Hoffnung angesichts einer äußeren Gefahr ist das Grundelement aller Angstlust", meinte Balint und nannte sie "thrill".
Es gibt zwei Arten von Ängsten. Primitive, irreale Ängste lassen jemanden sich zum Beispiel vor Spinnen fürchten, die Vernunft warnt vor realen Gefahren. "Krimis oder auch eine Achterbahnfahrt sprechen das primitive Angstsystem an, die Gefahr wird virtuell suggeriert", sagt Bandelow. "Die Vernunft weiß, dass der Mörder ein Schauspieler und die Achterbahn TÜV-geprüft ist. Dennoch wird ein Angstlevel aufgebaut und dann aufgehoben: Das Glücksgefühl stellt sich ein."
Diese Angstlust wird antizipiert, deswegen macht uns der ganze Film oder das Buch Spaß und nicht erst das Happy End. "Aus Experimenten mit Affen weiß man, dass diese Glückshormone schon ausgeschüttet werden, bevor sie die Belohnung erhalten", erläutert Bandelow. "Allein das Wohlgefühl bei der Erwartung eines Gewinns, so unwahrscheinlich dieser auch ist, treibt Menschen zum Beispiel beim Glücksspiel an."
Ein Krimikonsument betreibt in gewissem Maße eine Angsttherapie in Selbstmedikation. "Durch die Konfrontation mit Gefahr, von der er nicht selbst betroffen ist, desensibilisiert er sich sozusagen und kann eigene Ängste abbauen", meint der Psychiater. "Deswegen sind beispielsweise im Moment Pathologenfilme so beliebt, die sich detailliert mit eher hässlichen Dingen wie Magen- und Darminhalt oder dem Einschusskanal im Kopf beschäftigen."
Spannende Filme, Kindermärchen oder Spiele beruhten auf dem Prinzip der bewusst gesuchten Angstspannung und der folgenden, als angenehm erlebten Angstlösung, sagt auch der österreichische Psychotherapeut Hans Morschitzky. "Wir fürchten uns oft gerne, wenn wir wissen, dass die Sache letztlich gut ausgeht." Dies sei ein hervorragendes Mittel gegen die Angst vor der Angst und nehme ihr den Schrecken.
"Wichtig ist dabei, wie echt die Simulation ist, dass der Zuschauer möglichst nah dran ist", betont Bandelow. "Daher ist das wohlige Grauen auch höher, wenn wir in der Tageszeitung von einer Straftat in der Nachbarschaft lesen als von einem Unglück mit vielen Toten am anderen Ende der Welt."
Das Belohnungssystem des Gehirns sei sehr stark und siege meistens über die Vernunft, die in einer gefährlichen Situation eigentlich Flucht oder Vermeidung gebietet. "Diese Angstlust treibt beispielsweise Schaulustige an, bei einem Unfall auf der Autobahn auf der Gegenspur stehen zu bleiben und so zu riskieren, selbst Opfer eines Unfalls zu werden", erklärt Bandelow. Da ist die Angstlust so groß, dass die reale Gefahr in den Hintergrund tritt.
"Die Lustgefühle beim Krimi werden noch weiter verstärkt, wenn der Fall sich löst", führt der Forscher weiter aus. "Man weiß aus der Gehirnforschung, dass Lernen, Aha-Erlebnisse und das Lösen von Problemen ebenfalls das Belohnungssystem ankurbeln." Der Fall stelle dem Zuschauer ein intellektuelles Problem und die Auflösung, das Entlarven des Täters, produziere Glückshormone im Kopf des Zuschauers. "In der Wissenschaft nennen wir das den Heureka-Effekt."
Diesen Glückseffekt der Erkenntnis konnte Henning Scheich, Leiter des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg, in Versuchen mit Wüstenrennmäusen nachweisen. Laut Scheich führt der Aha-Effekt zur Ausschüttung von Dopamin, das die Motivation aufrecht erhält und seinerseits die Ausschüttung von Opiaten anregt.
"Das Gehirn gibt sich also selbst eine innere Belohnung, bringt sich sogar in gute Stimmung, wenn es etwas gelöst hat, und speichert es auch noch ab." Diese Ergebnisse sind auf Menschen übertragbar, da das Gehirn von Mäusen und Menschen beim Lernen ähnlich funktioniert.
Diesen Kick aus der Dopamindusche für das körpereigene Belohnungssystem machen Neurobiologen für die fast unendliche Lernfähigkeit des Menschen verantwortlich und seinen Drang, immer Neues zu entdecken, zu verstehen und aus Fehlern zu lernen. Der Tübinger Hirnforscher Valentin Braitenberg nennt diese Neu-Gier den "Kapiertrieb", der die Menschen neben den anderen naturgegebenen Trieben wie Nahrung und Fortpflanzung immer wieder antreibt, Einzelheiten zu einem Ganzen zu knüpfen und Zusammenhänge zu erforschen, um diese Hirnlust, das Glücksgefühl der Aha-Erlebnisse, zu empfinden - sei es beim Verstehen eines Witzes oder der Quantentheorie.
Dass die Lust beim erfolgreichen Denken, beim Angstüberwinden und beim Sex so nahe beieinander liegt, macht dem US-amerikanischen Hirnforscher John Gottman zufolge evolutionär durchaus Sinn, da diese Fähigkeiten sehr wichtig für den Fortbestand des Homo sapiens sind. Der Körper belohnt den Menschen durch Glücksgefühle, wenn er seine Angst aushält und lernt, das Problem auf andere Weise zu lösen, als durch Flucht. Oder wie Bandelow es ausdrückt: "Das elfte Gebot lautet: Du sollst nicht kneifen!"
Quellen / Links:
www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/