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11-06-08
Die Angst der Eltern vor ihren gewalttätigen Kindern


Mitarbeiterinnen des Elternnotruf Zürich plädieren für mehr Erziehungsarbeit

 

Gemäss offiziellen Schätzungen geht Gewalt in der Familie in fünf bis zehn Prozent der Fälle von Jugendlichen aus. Deshalb muss das kantonale Gewaltschutzgesetz revidiert werden. Für Rochelle Allebes und Karin Gerber vom Zürcher Elternnotruf ist die Anpassung ein weiterer Schritt zur Enttabuisierung eines heiklen Themas.


Melden sich beim Elternnotruf viele Eltern, die von ihren eigenen Kindern geschlagen werden?

Rochelle Allebes: Wir haben mehr Anrufe zum Thema gewalttätige Jugendliche als früher. Ob dies der Fall ist, weil mehr Eltern geschlagen werden oder ob betroffene Eltern wegen des öffentlichen Sensibilisierungsprozesses eher anrufen, können wir nicht sagen.

Karin Gerber: Gewalt von Jugendlichen gegen Eltern ist nach wie vor ein grosses Tabu-Thema. Betroffene Eltern können es häufig fast nicht fassen, dass ausgerechnet ihnen so etwas passiert. Sie schämen sich dafür, und sprechen nicht mit Dritten darüber. Dank der Öffentlichkeitsarbeit der letzten Jahre gestehen sich Eltern solche Probleme früher ein. Auch wir Beraterinnen getrauen uns mehr, Eltern darauf anzusprechen. Häufig kommen Eltern wegen eines ganz anderen Anliegens zu uns. Erst nach einer gewissen Zeit legen sie ihre Probleme mit gewalttätigen Teenagern offen.
 
Warum kommt es zu solchen Gewaltausbrüchen?

Gerber: Wenn Eltern Grenzen plötzlich setzen – wenn sie etwa den Ausgang einschränken wollen oder von ihren Kindern verlangen, ihren  Freizeitkonsum selber zu bezahlen. Ich kenne eine Mutter, die regelmässig geschlagen wurde, wenn sie die Wünsche ihrer Tochter nicht erfüllte.

Allebes: Es gibt verschiedene Kategorien von Eltern: Aus Resignation haben die einen eines Tages aufgehört, Grenzen zu setzen. Manche Eltern wollen aus ideologischen Gründen keine Grenzen setzen. Sie sagen: Mein Kind soll sich frei entfalten können, es ist stark genug. Doch spätestens wenn ihre Kinder 12, 14 Jahre alt sind, frech werden und in der Schule Probleme haben, merken die Eltern, dass etwas schief läuft. Natürlich gibt es auch Fälle von psychisch kranken Jugendlichen, solche mit Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) zum Beispiel. Kiffen in Verbindung mit AD.HS kann zu Aggressionen führen. Doch unabhängig von all dem gilt: Gewalttätige Kinder leiden auch, und Gewalt entzündet sich meistens an alltäglichen Kleinigkeiten.

Welches sind die schlimmsten Fälle, mit denen Sie im Lauf Ihrer Beratungstätigkeit zu tun hatten?

Gerber: Ich hatte zum Beispiel mit einer Mutter zu tun, die spitalreif geschlagen wurde. Ich weiss aber nicht, ob das der schlimmste Fall war. Oft ist ein solcher Ausbruch der letzte Akt eines manchmal jahrelangen Prozesses mit verbalen Attacken, mit Erpressungen und Drohungen. Eine Häufung von verbaler Gewalt kann genau so schlimm wie physische Gewalt sein. Wenn sich Eltern aus Angst vor den Wutanfällen ihrer Kinder kaum mehr getrauen, nach der Arbeit nach Hause zu gehen oder das Essen auf den Tisch zu stellen, wird es extrem schwierig.

Aus welchem Milieu stammen gewalttätige Jugendliche? Werden eher Buben aggressiv? Haben sie in der Regel selber häusliche Gewalt erlebt?

Gerber: Mehrheitlich sind es männliche «Täter». Von den 159 Fällen, die wir letztes Jahr verzeichnet haben, waren zwei Drittel Buben. Wir haben auch mit aggressiven Jugendlichen zu tun, die selber mit Gewalt zwischen Eltern konfrontiert sind. Das Problem kommt in allen Schichten vor. Gemäss Statistiken stammen aggressive Jugendliche häufig aus intakten Familien. Bei uns melden sich aber auffallend viele alleinerziehende Mütter. Da unsere Beratungen nur auf Deutsch geführt werden, haben wir hauptsächlich mit Schweizerinnen oder gut integrierten Ausländerinnen Kontakt.

Haben partnerschaftlich organisierte Familien bessere Ausgangsbedingungen?

Allebes: Die Ausgangslage ist besser, wenn die Eltern kooperieren oder wenn eine alleinerziehende Mutter mit Nachbarn und guten Bekannten zusammenarbeitet. Von Vorteil ist, wenn jemand da ist, der einen Elternteil unterstützt.

Gerber: Das stimmt. Wir beobachten zudem, dass sich Eltern ihren Kindern immer stärker annähern. Sie tragen die gleichen Kleider, hören dieselbe Musik und kaufen dieselben elektronischen Geräte. Weil die natürlichen Grenzen fehlen, ist es für Kinder und Jugendliche schwieriger geworden sich abzugrenzen.

Allebes: Heutige Eltern finden es lustig, wenn kleine Kinder freche Ausdrücke verwenden. Doch sollten Eltern schon früh eine klare Haltung einnehmen. Erziehen ist die Kombination von Grenzen setzen und eine Beziehung aufbauen. Die ersten zehn Lebensjahre sind entscheidend.

Ist es nicht verständlich, dass Eltern angesichts der wachsenden Verführungen des Konsum- und Freizeitangebotes kapitulieren?

Allebes: Man kann doch als Eltern zu Hause bestimmte Werte und Vorstellungen vertreten! Voraussetzung ist aber, dass man sich selber mit neueren Entwicklungen auseinandersetzt. Eine klare Haltung gegenüber den Kindern einzunehmen, gehört zur Aufgabe der Eltern. Sie bewirkt, dass man zum Beispiel bezüglich Internet- oder Handykonsum klare Regeln aufstellen kann.

Gerber: Das Problem sind nicht die elektronischen Möglichkeiten, sondern der Umgang damit. Eltern müssen Vereinbarungen treffen.

Was tun, wenn Jugendliche solche Regeln ablehnen und frech werden?

Allebes: Wird der freche Ton toleriert, dann läuft's aus dem Ruder. Eltern müssen dem sofort entschieden entgegentreten und sagen: Das geht nicht, nicht bei uns. Der Vater muss diese Haltung unterstützen, sonst funktioniert es nicht. Immer wieder höre ich, dass Mütter sich wehren, die Väter aber schmunzelnd daneben stehen.

Gerber: Aufgrund meiner Erfahrungen sind viele Kinder und Jugendliche froh, wenn ihre Eltern plötzlich zu erziehen beginnen.

Peinlich zu sein, gehört zur Elternrolle
Frau Allebes, Sie leiten Erziehungskurse. Wie nachhaltig sind diese?

Allebes: Wichtig ist zunächst, dass sich Eltern mit ihren Problemen nicht mehr alleine gelassen fühlen. Sie merken: Ich darf etwas verlangen – auch im Interesse des Kindes. Dadurch werden sie sicherer. Sie lernen zudem sich einzumischen. Häufig wehren sich Teenager dagegen, wenn ihre Eltern ihre neuen Kollegen kennenlernen wollen. Sie finden das peinlich. Die Eltern halten sich deshalb vielmals zurück. Aber peinlich zu sein, gehört zur Rolle der Eltern.

Gerber: Solange die Gewalt im intimen familiären Rahmen bleibt, hat sie einen Nährboden. Wenn aber Eltern nach aussen treten, ist ein wichtiger Schritt getan.

Die extremste Intervention ist das Einschalten der Polizei. Welche Erfahrungen machen Sie damit?

Gerber: Wir machen die Eltern auf diese Möglichkeit aufmerksam. Oft kann dadurch ein Kreislauf durchbrochen werden.

Allebes: Die Polizei ist geschult im Umgang mit solchen Situationen. Manchmal sind auf dem Polizeiposten getroffene Vereinbarungen zwischen Eltern und Kind sehr hilfreich.

Das kantonale Gewaltschutzgesetz ist erst seit einem Jahr in Kraft. Nun muss es bereits revidiert werden, um den Schutz von Eltern, die von ihren gewalttätigen Kindern bedroht werden, zu gewährleisten. Warum hat man diesen Aspekt vergessen?

Allebes: Das Phänomen der häuslichen Gewalt ist von der Frauenhaus-Bewegung thematisiert worden. Diese konzentrierte sich auf die Gewalt von Partnern gegenüber ihren Frauen. Deshalb ist wahrscheinlich auch Gewalt von Eltern gegenüber ihren Kindern im Gesetz kein Thema.

Was bringt die Revision?

Gerber: Sie bringt eine weitere Enttabuisierung des mit Scham behafteten Themas. Das Gesetz signalisiert den Betroffenen, dass es legitim ist, gegen gewalttätige Kinder vorzugehen und zwar proaktiv, das heisst, alle Betroffenen erhalten die nötige Unterstützung.

Allebes: Die klare Botschaft lautet: Elternmisshandlung ist verboten. Viele Eltern interpretieren die Gewalt ihrer Kinder auf der ganzen Linie als ihr eigenes Versagen. Doch kann nur erzogen werden, wenn sich die Kinder auch erziehen lassen. Ab einem bestimmten Alter müssen die Kinder kooperativ sein.

Sollten Eltern von aggressiven Jugendlichen zu Erziehungskursen verpflichtet werden, wie dies Bildungsdirektorin Regine Aeppli fordert?

Allebes: Ich finde das problematisch. Wer bestimmt, ob jemand richtig oder falsch erzieht? Wenn schon, dann müssten alle Eltern einen Erziehungskurs besuchen. Obligatorische Erziehungskurse für Eltern von Kleinkindern würde ich gut finden. Sie wären zudem ein sinnvolles Instrument im Rahmen der Integration.

Gerber: Ich wäre dagegen. Wichtig ist, dass die Eltern die verschiedenen Beratungsangebote kennen und diese auch nutzen.

Allebes: Genau so wichtig wäre allerdings mehr Zivilcourage im öffentlichen Raum. Auch hier halten sich die Erwachsenen zu sehr zurück. Wenn die Jugendlichen merken, dass Eltern mit Leuten aus der Nachbarschaft und dem Quartier zusammenarbeiten, wird klar, was gilt. Wenn Erwachsene auf biertrinkende Horden mit Angst oder Gleichgültigkeit reagieren, sind das schlechte Mitteilungen. Jugendliche sind überfordert, wenn Erwachsene Angst vor ihnen haben. Sie sind aber auch überfordert, wenn sie den Erwachsenen egal sind.



Quellen / Links:

www.nzz.ch/nachrichten/zuerich/elternnotruf_gewalt_kinder_eltern_1.755426.html

 

M. Angermaier: Lösungshilfen für Problemkinder

Pabst, 216 Seiten, ISBN 978-3-89967-074-5

 

I. Wolff-Dietz: Jugendliche Sexualstraftäter

Pabst, 268 Seiten, ISBN 978-3-89967-352-4









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