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02-06-08
Ach, die doofe Mathe!


Mädchen können weniger gut rechnen als Buben. Doch wo Frauen den Männern gleichgestellt sind, verschwindet der Unterschied.


Buben sind besser im Rechnen, und Mädchen können dafür besser lesen. Dieses aus vielen Ländern bekannte Faktum haben auch die drei internationalen Pisa-Tests wieder bestätigt: Nahezu alle Länder zeigen das altbekannte Muster dieser geschlechtsspezifischen Leistungsunterschiede. An der Frage nach den Ursachen scheiden sich jedoch die Geister: Zeigt sich darin die genetisch unterschiedliche Begabung der beiden Geschlechter? Oder werden Mädchen durch äussere Bedingungen behindert?

Ein Team von Wirtschaftswissenschaftern ist die Frage nun von einer anderen Seite angegangen. In einer Studie, die diese Woche im Wissenschaftsmagazin «Science» erschien, haben die Forscher den Mädchen-Buben-Abstand bei den Leistungen (Gender-Gap) mit dem Grad der Gleichstellung von Frauen und Männern in den verschiedenen Ländern verglichen. Daraus ergab sich eine verblüffende Parallele: Je näher ein Land der gesellschaftlichen Gleichstellung der beiden Geschlechter kommt, umso kleiner wird der Abstand zwischen Mädchen und Buben in der Mathematik.

«Es mag auch biologische Gründe geben für den Gender-Gap in Mathematik», erklärt Paola Sapienza, eine Autorin der Studie. «Doch mindestens teilweise kann die Kultur einer Gesellschaft den Geschlechtsunterschied eliminieren: In Gesellschaften mit mehr Gleichstellung der Geschlechter verschwindet die Mathe-Lücke.» Die Professorin für Finanzwissenschaft an der Kellogg Management School der Northwestern University in Illinois erforscht Wechselbeziehungen zwischen Kultur und ökonomischer Leistung. Es sei für sie deshalb nahegelegen, auch der Wirkung von Kultur auf Bildungsleistungen nachzugehen.

Für den Leistungsunterschied zwischen Mädchen und Buben griffen die Forscher auf die Daten der zweiten Pisa-Studie von 2003 zurück, bei der die Mathematik Schwerpunkt war. Am grössten ist das Nachhinken der Mädchen in Mathe mit 22,5 Pisa-Punkten in der Türkei. In 10 der insgesamt 40 Pisa-Länder ist der Abstand dagegen statistisch nicht mehr relevant (so in Schweden und Norwegen), und in Island ist die ominöse «Mathe-Lücke» nicht nur verschwunden, sondern die Mädchen erzielen hier sogar bessere Mathe-Leistungen als die Buben.

Zur Einschätzung der Gleichberechtigung von Frauen in den verschiedenen Ländern zogen die Forscher den Gender-Gap-Index des World Economic Forum bei: Dieser sammelt Daten zur Partizipation von Frauen und setzt diese in ein Verhältnis zum Ressourcen-Zugang der Männer. Zusätzlich überprüften die Forscher die Beziehung zwischen Gleichstellung und geschlechtsspezifischer Leistung auch noch mit drei anderen gängigen Indizes zur Situation von Frauen: «Das Resultat war in jedem Fall dasselbe», erklärt Sapienza.

In der Pisa-Studie waren Schüler und Schülerinnen nicht nur zu ihrem Interesse an Mathematik befragt worden, sondern auch zu ihrer Selbsteinschätzung, zu Selbstvertrauen und Ängstlichkeit in diesem Fach. In vielen Ländern, auch in der Schweiz, zeigte sich ein klarer Zusammenhang dieses «mathematischen Selbstkonzeptes» mit der Leistung: Schon ein einziger Punkt mehr auf der Skala der Ängstlichkeit ging etwa in der Schweiz mit 29 Pisa-Punkten weniger Mathe-Leistung einher. Für Paola Sapienza deckt sich dies mit ihrer Studie. Die psychologische Forschung habe ja längst gezeigt, dass die Mathematik-Leistung von Frauen stark von ihrem Selbstvertrauen abhänge: «In allen Ländern der Pisa-Studie waren Mädchen in Bezug auf Mathematik ängstlicher als Knaben. Die Frage ist nun, ob Mädchen in Ländern mit ausgeprägter Gleichberechtigung der Geschlechter weniger ängstlich sind als anderswo, und wenn ja, woran dies genau liegt.» Viele Faktoren könnten zum Verschwinden der Mathe-Lücke in gleichberechtig- ten Gesellschaften beitragen: andere Schul- und Unterrichtsformen, die Präsenz von Rollenvorbildern, die akzeptierte Palette der Berufsbilder für Mädchen usw. «Wir möchten deshalb als Nächstes erforschen, was es denn genau ist, das die Mathematik-Lücke zum Verschwinden bringt», sagt Sapienza.

Die Studie hat noch ein zweites verblüffendes Resultat. Im Unterschied zum Rückstand in Mathe wird der Vorsprung der Mädchen beim Lesen nämlich mit steigender Gleichberechtigung grösser. Nicht nur behalten also Mädchen ihren Vorsprung auf die Buben, sie bauen ihn sogar noch aus. Zu erklären vermag Paola Sapienza die Sache nicht, aber sie hat eine Hypothese: «Die Daten aller Länder zeigen, dass sich Mädchen in der Schule mehr anstrengen. Es könnte also sein, dass in gleichberechtigten Gesellschaften diese bessere Arbeitshaltung ganz einfach die verdienten Früchte trägt.»



Quellen / Links:

www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/ach_die_doofe_mathe_1.747759.html

 

H. Simon: Interventionen bei Störungen des Erwerbs arithmetischer Konzepte

Pabst, 236 Seiten, ISBN 978-3-89967-381-4

 

E. Stern: Die Entwicklung des mathematischen Verständnisses im Kindesalter

Pabst, 252 Seiten, ISBN 978-3-933151-28-5









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