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27-05-08
Anne Will - Runde zur Faulenzerdebatte: Klischees statt Fakten


Die erregten Sonntagsgäste bei Anne Will präsentierten kaum mehr als Altklischees mit Für und Wider zum Thema: "Sind Arbeitslose Faulenzer?" Ja oder nein - beide Antworten sind falsch.


Die Psychologen Dr. Peter Kuhnert und Dr. Alexandra Karas (TU Dortmund) beschreiben Studienergebnisse, die im TV-Talk fehlten:

Bei 71% der Arbeitslosen sind deutliche Zeichen einer "Selbststigmatisierung" zu sehen, bei mehr als einem Drittel depressive Verstimmungen, Verlust der Entspannungsfähigkeit und häufige Angstgefühle. 26% denken gelegentlich über Selbstmord nach, elf Prozent sind akut suizidgefährdet.

Eine Befragung ergab, dass "42% der der Langzeitarbeitslosen den Alkoholkonsum in der Erwerbslosigkeit deutlich erhöhen. 5,6% der Berufstätigen, aber 20% der Arbeitslosen trinken täglich mehr als 80 Gramm Reinalkohol (entspricht z.B. zwei Litern Bier oder einem Liter Wein). Mit zunehmender Arbeitslosigkeit steigt der Alkoholkonsum."

Meist ist schwer erkennbar, wieweit die jeweilige persönliche Problemdichte den Jobverlust (mit-)verursacht hat oder von diesem verursacht bzw. verstärkt wurde.

Der Demoralisierungsprozess verstärkt sich selbst und lähmt die Arbeitskraft. 

Der Arzt und Psychologe Prof. Dr. Michael Kastner (TU Dortmund) beschreibt Möglichkeiten, eine Veränderungsmotivation zu verstärken: 

  • ein soziales Netz, das aufmuntert und Wertschätzung mitteilt
  • gezielte Provokationen von privaten oder professionellen Beratern ("mood induction")
  • Erinnerung an frühere Erfolge
  • Veränderung von Bezugsrahmen - z.B. Hinweis auf schlimmere Schicksale
  • Bewusstmachen positiver Ressourcen
  • Bewusstmachen persönlicher Chancen der Veränderung - im Gegensatz zu Risiken der Nichtveränderung
  • Aufstellen kleiner, überschaubarer, realistischer Ziele
  • Unterbrechen der Verhaltensträgheit
  • Aufbrechen der gelernten Inkompetenz
  • das Neue und Ungewisse bekannter und berechenbarer machen, um die Angst vor Veränderung zu reduzieren
  • Aufzeigen von Erfolgskarrieren anderer Personen

Letzteres hat Anne Will bereits praktiziert - mit der Vorstellung von Tanja Heinrich; die 30jährige arbeitet hart, um sich und ihre zwei Kinder "durchzubringen" - bei einem Einkommen von kaum mehr als "Hartz IV". Die Frau war der Lichtblick des Abends.

(Bild: Anne Will)



Quellen / Links:

Michael Kastner: Arbeitslosigkeit und Gesundheit - was bewirkt was, und was ist zu tun?

in: M. Kastner, T. Hagemann, G. Kliesch (Hrsg.): Arbeitslosigkeit und Gesundheit

Lengerich, Berlin 2005

 

Peter Kuhnert, Alexandra Karas: Kultur für Faulenzer, Ausgegrenzte, Überflüssige und Schmarotzer? Arbeitslosigkeit als Paradoxie einer allseits verbreiteten, aber unerwünschten Lebensform

in: M. Kastner, E. Neumann-Held, Ch. Reick (Hrsg.): Kultursynergien oder Kulturkonflikte?

Lengerich, Berlin 2007









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