Die Bindung eines Kindes an die Mutter gleicht einer Drogenabhängigkeit, meinen amerikanische Forscher. Weinen sei eine Entzugserscheinung.
Das penetrante Gebrüll eines Babys, das nach seiner Mutter im Nebenzimmer ruft, mag irrational erscheinen. In der Tat aber ist es dem Kind bitter ernst. Denn nichts ist für einen Säugling so lebensnotwendig wie der enge Kontakt zu einer verlässlichen, verfügbaren Bezugsperson. Diese muss dem hilflosen Kind Wärme, Pflege, Nahrung und Sicherheit verschaffen. Die Natur stellt hohe Ansprüche an diese Person. Reagiert sie gleichgültig oder falsch auf die Bedürfnisse des Kindes, gedeihen die Kleinen schlecht und bleiben in der Entwicklung zurück.
Ein niedliches Aussehen allein reicht aber bei weitem nicht aus, um die Bindung des Kindes an die Mutter zu garantieren. Die Natur hat daher eine Art Drogenabhängigkeit beim Kind verankert, damit es die Pflegeperson ständig animiert, sich um es zu kümmern. Diese These vertreten amerikanische Wissenschafter des National Institute of Health in Bethesda, Maryland. Christina Barr und Markus Heilig gehen davon aus, dass bei einem Baby Glückshormone, sogenannte Endorphine, ausgeschüttet werden, sobald die Mutter es umarmt. Diese dem Opium eng verwandten Stoffe führen im Gehirn zu einem Gefühl der Wonne, welches das Baby wieder und wieder erleben will. Und nicht nur das, jeder Mama-Rausch festigt die Bindung zur Mutter im Kinderhirn immer stärker.
Chemie der Sehnsucht
Diese Abhängigkeit ist aber offenbar nicht bei allen Babys gleich stark ausgeprägt. Dies folgern zumindest Barr und Heilig aus Studien an Rhesusaffen. Denn einige Affen reagieren auch wie manche Menschen empfindlicher auf Endorphine als andere. Dies liegt an einer Veränderung im Erbgut, die auch beim Menschen bekannt ist. Die Verhaltensforscher beobachteten, dass Affen mit dem veränderten Gen vermehrt den Kontakt zur Mutter suchten und bei der Abwesenheit der Mutter völlig untröstlich waren («PNAS», Bd. 105, S. 5277). Affenkinder mit normalem Gen hingegen beruhigten sich schnell und waren weniger anhänglich.
Noch fehlen Untersuchungen bei Menschen. Träger eines veränderten Gens wären demnach anhänglicher und müssten schwer über eine Trennung von der Mutter hinwegzutrösten sein. Lieben unsere Kinder also gar nicht uns selbst, sondern lediglich den von Glückshormonen ausgelösten Rausch? Ist das Geschrei nach der Mutter nur eine Entzugserscheinung? «Gefühle wie die Sehnsucht nach der Mutter oder Verliebtheit haben sehr viel mit Chemie zu tun», sagt Judith Burkart, Verhaltensforscherin am Anthropologischen Institut der Universität Zürich. Beim Kind löse die Zuwendung durch die Mutter Glücksgefühle aus, verursacht durch Endorphin. Dies begünstige ein festes Band zur Mutter. Es sei jedoch typisch für alle Primaten wie auch für den Menschen, zunächst überhaupt eine starke Bereitschaft zu haben, sich zu binden.
Burkart erforscht das Verhalten eines anderen Primaten, des Weissbüschelaffen. Bei diesen Tieren ist es nicht zwingend die Mutter, welche die engste Bindung zum Kind hat. Der Vater oder ein grosser Bruder sind häufig die erste Zuflucht für die Kleinsten, wenn Gefahr droht. «Es kommt ausschliesslich darauf an, wer das Äffchen in der ersten Lebenszeit am meisten herumgetragen hat», erklärt die Biologin. Als einzige Primaten stehen uns die Weissbüschelaffen in puncto Kinderaufzucht sehr nahe. Ihr soziales System, bei dem Verwandte gemeinsam die Nachkommen aufziehen, gibt es bei Schimpanse oder Pavian nicht. «Beim Menschen aber helfen Familienmitglieder, wie die Grossmutter, mit», so Burkart. Vermutlich werde ein Menschenkind deshalb nicht nur bei der Mutter seine Glückshormone ausschütten. Auch eine andere Bezugsperson könne das auslösen. Was zähle, sei lediglich die Qualität der Beziehung.
Oskar Jenni, Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich, stimmt zu: «Es muss nicht die Mutter sein, die am stärksten an das Kind gebunden ist.» Auch andere Menschen könnten fähig sein, das Kind zu «lesen». Entscheidend sei die Zeit, denn die Bezugsperson müsse verfügbar sein. «Die vielgepriesene <quality time>, bei der man täglich nur kurz, dafür aber umso intensiver mit dem Kind spielt, halte ich für ungenügend», sagt er. Und jedes Kind ist anders. Das eine hängt am Rockzipfel, das andere wird schnell selbständig. «Früher meinte man, alle Verantwortung für die frühkindliche Bindung liege bei der Mutter», so der Kinderarzt. Je nachdem, wie feinfühlig und warmherzig sie sich verhalte, entwickle sich das Kind zum Anhängsel oder zum neugierigen Entdecker.
Heute ist man davon etwas abgekommen. Mehrere Studien haben gezeigt, dass nicht allein das Verhalten der Bezugsperson die Qualität der Bindung bestimmt. «Da muss noch mehr sein», meint Jenni. Und hier kommen Arbeiten wie die von Barr und Heilig zum Zug. Die Verhaltensgenetik, die untersucht, wie bestimmte Merkmale im Erbgut mit Umweltbedingungen und Verhaltensweisen zusammenspielen, liegt im Trend. «Wir erwarten in den kommenden Jahren eine Flut von Ergebnissen aus diesem Feld», sagt der Kinderarzt. Ein Gen, das seinen Träger mehr oder weniger empfindlich für Glückshormone macht, sei ein vielversprechender Ansatz bei der Bindungsforschung. Denn im Gegensatz zum menschlichen Temperament oder zum Schlaf sei das Bindungsverhalten eine weniger komplexe Verhaltensweise. «Statt Dutzende sind möglicherweise nur wenige Gene beteiligt.»
Nachts Nähe nachholen
Kindliches Weinen auf Entzugserscheinungen zu reduzieren, scheint ihm aber zu eindimensional. «Das Gen für die Endorphin-Empfindlichkeit wird sich als ein Puzzleteil erweisen, will man die Bindungsqualität erklären», sagt er. Es komme nicht nur auf die Qualität, sondern auch auf das Bindungsbedürfnis des Kindes an und darauf, wie ausgewogen dieses Bedürfnis und die Bereitschaft der Bezugsperson seien. So gibt es Kinder, die sich rasch von den Eltern trennen und emotional unabhängig werden. Andere wiederum kleben an der Mutter und decken ihr Bedürfnis nach Nähe durch grosse Anhänglichkeit. «Wenn die Bezugsperson am Tag nicht verfügbar war, fordern die Kinder ihr Bedürfnis nachts ein, wenn sie die Eltern im Bett aufsuchen», sagt Jenni. Aber nicht jedes Kind, das ins elterliche Bett kriecht, muss automatisch eine veränderte Endorphin-Empfindlichkeit aufweisen.
Lieben unsere Kinder also gar nicht uns selbst, sondern lediglich den von Glückshormonen ausgelösten Rausch?
Quellen / Links:
www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/berauscht_von_mutter_1.731094.html
de Boor, W.: Kinderkriminalität – Chancen einer grundlegenden Prävention
Pabst, 124 Seiten, ISBN 978-3-936142-42-6