Die überwiegende Mehrheit der Strafgefangenen ist psychisch erkrankt oder leidet unter psychischen Störungen bzw. Persönlichkeitsstörungen. Eine optimale Therapie wäre im Interesse einer Resozialisierung und könnte nach der Entlassung die Rückfallrisiken senken. Dennoch bieten die wenigsten Vollzugsanstalten in Deutschland qualifizierte Möglichkeiten für eine psychiatrische bzw. psychotherapeutische Behandlung. Mit dieser Begründung appelliert Professor Dr. Heinz Schöch (LMU München), "zumindest in den zentralen Vollzugskrankenhäusern psychiatrische Abteilungen mit einer ausreichenden Zahl von Behandlungsplätzen einzurichten".
Der Strafrechtler schätzt, "dass unter den Strafgefangenen mindestens 30% eine dissoziale Persönlichkeitsstörung aufweisen und ca. drei bis vier Prozent endogene Psychosen. Hinzu kommt noch eine beträchtliche Zahl Alkohol- und Drogenabhängiger sowie Gefangene mit Anpassungsstörungen."
Dr. Carl-Ernst von Schönfeld und Kollegen (Bielefeld) sahen in einer empirischen Studie einen hohen Grad an Substanzabhängigkeit: bei 59% der Männer und 24% der Frauen dient Alkohol als Suchtmittel, bei 60% der Frauen und 31% der Männer Opiat.
"Etwa 32% der inhaftierten Frauen litten unter einer manifesten posttraumatischen Belastungsstörung. Dabei war oftmals erstaunlich, wie viele Frauen trotz entsprechender Traumatisierung keine diagnostizierbare Störung davongetragen hatten."
Bei der Mehrheit der Gefangenen diagnostiziert Schönfeld gleichzeitig mehrere Erkrankungen. Er plädiert dafür, "psychiatrische Kompetenz in die Haftanstalten einzubringen. Dies wird z.B. in Bielefeld durch umfangreiche Schulungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Beteiligung psychiatrischer Hauskrankenpflege, Hinzuziehung externer Psychotherapeuten, einen regelmäßigen Konsiliardienst und die Planung eines regelmäßigen ergotherapeutischen Angebots in Ansätzen versucht.
Die besondere Chance, durch weitgehende Abstinenz und geregelten Rahmen in Haft den Teufelskreis aus Sucht und Komorbidität zu unterbrechen, muss genutzt werden."
Quellen / Links:
H. Schöch: Psychisch kranke Gefangene im Strafvollzug
C.-E. von Schönfeld: Mitgefangen - Mitgehangen. Psychisch kranke Frauen und Männer im Strafvollzug
in: Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 1/2008