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25-09-07
Fatale Hilfe für Katastrophenopfer: Wenn der Schrecken großgeredet wird


Sofort nach einer Katastrophe sind Notfallpsychologen zur Stelle. Doch viele Opfer nehmen erst durch diese Betreuung dauerhaften Schaden.


Spätestens 24 Stunden nach einer Katastrophe ist es so weit. Das Debriefing beginnt: Psychologen rücken an, um Opfer, Hinterbliebene und Augenzeugen seelisch zu verarzten.

Was sich dann abspielt, ist eine Instant-Gruppentherapie. Je 15 Personen müssen einen Kreis bilden und das erschütternde Ereignis noch einmal gedanklich durchspielen. Unter Anleitung eines Notfallpsychologen sollen sie beschreiben, wie sie auf die Katastrophe reagiert haben.

Das soll dem Erlebten seine negative Einmaligkeit nehmen - nach dem Motto: Anderen geht es wie mir. Der Schrecken ist kaum vorbei, schon wird er im Kreis der Opfer nacherlebt. Das Trauma soll Vergangenheit werden, obwohl es noch Gegenwart ist.

Fast alle Ereignisse, die traumatisierend wirken könnten, werden heutzutage therapeutisch nachbearbeitet. Lange Zeit galt als unstrittig: Von einem solchen Hilfsangebot profitieren alle, sowohl die Leidtragenden einer Katastrophe als auch deren Helfer.

Doch nun ist die psychologische Erste Hilfe, die von dem Psychologen und Feuerwehrmann Jeffrey Mitchell in den siebziger Jahren entwickelt wurde, in die Kritik geraten: Psychische Schäden können durch die Schnell-Intervention offenbar nicht verhindert werden.

Durch das Debriefing steigt sogar das Risiko für dauerhafte Narben auf der Seele (American Journal of Psychiatry, Bd.164, S.1016, 2007; Review of General Psychology, Bd.10, S.318, 2006). 


Zwangstherapie nach Tsunami

"Früh einsetzende psychosoziale Interventionen haben sich als unwirksam oder sogar schädlich erwiesen", sagt Christoph Kröger, Klinischer Psychologe und Psychotherapeut an der Technischen Universität Braunschweig.

In einer Studie des Psychiaters Richard Mayou von der Universität Oxford verschlechterte sich der psychische Zustand von traumatisierten Feuerwehrleuten durch die Sofortbehandlung, während es einer unbehandelten Kontrollgruppe besser ging. In anderen Studien hatte das Debriefing bestenfalls einen Nulleffekt.

Die psychologische Soforthilfe dauert drei bis vier Stunden - ohne Pause. In dieser Zeit wollen Psychologen von jedem Einzelnen wissen, was er gesehen, gehört, gerochen hat. Sie fragen reihum: "Wenn das Ganze ein Film wäre, was würden Sie am liebsten herausschneiden?" Am Ende informieren sie über mögliche Spätfolgen wie die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Menschen mit PTBS leiden unter Flashbacks, sie werden immer wieder von dem Schreckenserlebnis eingeholt. Sie können sich nur schwer konzentrieren, leiden unter Schlafstörungen und fühlen Scham, Angst oder Wut in sich.

Doch eine PTBS scheint ausgerechnet durch das Debriefing wahrscheinlicher zu werden. Wer im Anschluss an ein Fähr-, Gruben- oder Flugzeugunglück ein Debriefing erhält, der läuft eher Gefahr, später an einer psychischen Störung wie PTBS zu erkranken als derjenige, dem gar keine Hilfe zuteil wird, hat die Psychologin Tanja Michael von der Universität Basel herausgefunden.

"Durch die Schnelltherapie wird häufig das Gegenteil dessen erreicht, was erreicht werden soll", sagt Michael. Der schädliche Effekt des Debriefings manifestiere sich dabei erst auf lange Sicht. Die Gründe hierfür seien unklar.

"Wäre Debriefing ein Medikament, würde man es verbieten", folgert Kröger. Und die Trauma-Expertin Suzanne Rose aus New York fordert angesichts der Datenlage alle Berufspraktiker auf, mit Debriefings aufzuhören.

Doch so negativ die Schnelltherapie auch von Forschern beurteilt wird, so beliebt ist sie nach wie vor in der Praxis. Ob bei der Bundeswehr, beim Roten Kreuz oder beim Malteser Hilfsdienst - überall wird debrieft. Zahlreiche Notfallpsychologen sind weiterhin der Auffassung, damit auch Gutes zu tun.

So ist der österreichische Psychotherapeut Clemens Hausmann der Auffassung, dass Debriefings "im Sinne der Betroffenen absolut notwendig" seien. Seine Erfahrung mit der Schnell-Intervention sei sehr positiv. Da es an Alternativen mangele, halte er Debriefings für angemessen.

In einem Punkt aber sind sich beide Seiten einig: Problematisch ist das angeordnete Debriefing. In der jüngeren Geschichte gab es einige Katastrophen, nach denen Menschen gegen ihren Willen behandelt wurden. So mussten sich Tsunami-Überlebende am Münchner Flughafen "zwangstherapieren" lassen, sagt Kröger.

Ein weiterer Kritikpunkt: Debriefings finden manchmal nach dem Gießkannenprinzip statt. Auch Menschen, denen von einer Katastrophe nur erzählt wurde, mussten den Psycho-Talk über sich ergehen lassen. In Niedersachsen war dies der Fall, nachdem ein Mädchen durch einen Lkw zu Tode gekommen war.

"Dieser tragische Unfall wurde von einigen Klassenkameraden beobachtet. Daraufhin erhielt die ganze Schulklasse ein Debriefing", sagt Kröger. Dabei helfe es keinem Mitschüler, der gar nicht am Ort des Geschehens war, wenn er alle Details des schrecklichen Unfalls höre. 


Lieber später als sofort

Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Soforthilfe nur dann etwas taugt, wenn sie nicht sofort einsetzt. "Erst vier Wochen nach einem grauenhaften Ereignis lässt sich erkennen, ob jemand wirklich Hilfe benötigt oder nicht", sagt Tanja Michael.

Wie andere Experten ist auch sie davon überzeugt, dass es durch zu frühes Debriefing zu Retraumatisierungen kommt. Während der Gruppensitzungen werde der Einzelne von Schrecklichem geradezu überschwemmt. Das Trauma ist groß - aber es wird in der Gruppe noch größer geredet.

Das liegt auch daran, dass die Probleme der Betroffenen grundverschieden sind - auch wenn sie eine Katastrophe teilen. Da ist beispielsweise die Mutter, die bei einem Flugzeugabsturz vergeblich versucht hat, ihr Kind festzuhalten.

Sie hat vor allem mit Schuldgefühlen zu kämpfen, während bei einer überlebenden Stewardess die Angst dominiert, auch in Zukunft wieder fliegen zu müssen. Formal betrachtet teilen alle Opfer einer Katastrophe dieselbe Erfahrung, subjektiv jedoch nicht. Diesem Umstand trägt das Debriefing zu wenig Rechnung.

Aus diesem Grund plädieren Wissenschaftler dafür, lieber gezielt und individuell zu helfen. Die Bundespsychotherapeutenkammer Niedersachsen hat einen Flyer mit Hilfsadressen erstellt, der im Bedarfsfall verteilt werden soll. Die Betroffenen können dann selbst entscheiden, ob sie psychotherapeutische Hilfe benötigen. Die Devise lautet: weniger Psychologen vor Ort, dafür mehr Nach- und Langzeitbetreuung.

Jeder Dritte erlebt im Laufe seines Lebens ein traumatisches Ereignis, doch nur die allerwenigsten reagieren darauf mit schweren Spätfolgen. Etwa 80 bis 90 Prozent bleiben gesund, wie epidemiologische Studien zeigen. Nach einer Vergewaltigung zum Beispiel erkrankt die Hälfte der Opfer an PTBS, nach einem schweren Verkehrsunfall nehmen etwa zehn Prozent seelischen Schaden. "Die Mehrheit verfügt über Selbstheilungskräfte und bedarf keiner professionellen Hilfe", sagt Kröger.

Um die PTBS-gefährdeten Personen aufzuspüren, testen Forscher gegenwärtig verschiedene Methoden. So hat der Offenburger Psychiater Ulrich Frommberger einen Fragebogen entwickelt. In einer Studie mit 300 nfallopfern konnte er damit zu 80 bis 90 Prozent vorhersagen, wer später einmal eine PTBS ausbilden wird. In den chaotischen Stunden nach einer Großkatastrophe können Ärzte und Psychologen dies hingegen noch nicht zuverlässig erkennen.

Denn jene Menschen, die kurz nach einem schrecklichen Ereignis die heftigsten Symptome zeigen, leiden später oft gar nicht so stark.



Quellen / Links:

www.sueddeutsche.de/gesundheit/artikel/724/133475/

 

Frommberger, U., Keller, R. (Hrsg.). Empfehlungen von Qualitätsstandards für stationäre Traumatherapie – Indikation, Methoden und Evaluation stationärer Traumatherapie in Rehabilitation, Akutpsychosomatik und Psychiatrie. Pabst 2007, 188 Seiten, ISBN 978-3-89967-375-3, Preis: 20,- Euro

 

Manfred Zielke, Rolf Meermann, Winfried Hackhausen (Hrsg.). Das Ende der Geborgenheit? Pabst, 584 Seiten, ISBN 978-3-89967-002-8, Preis: 40,- Euro









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