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07-09-07
Nachbemerkungen zum 45. IPA-Kongress in Berlin: Faszination der Vielfalt


Nach 85 Jahren tagte die Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPV/IPA) erstmals wieder in Berlin, der Stadt die eng mit der Entwicklung der Psychoanalyse und ihrer Institutionalisierung verbunden ist, die aber auch, wie Georg Bruns, Vorsitzender des Programmkomitees, eindringlich betonte, für die Vertreibung und Vernichtung jüdischer Analytiker in der Zeit des Nationalsozialismus steht.


45. IPA-Kongress in Berlin

Der Tagungsort in Berlin-Tiergarten lag unweit des Hotels in der Kurfürstenstrasse, in dem der Berliner Kongress von 1922 statt fand. Vis-a-vis vom jetzigen Kongresshotel befindet sich der sogenannte Bendler-Block, in dessen Innenhof Oberst Graf Stauffenberg und einige der Mitverschwörer des 20. Juli 1944 hingerichtet wurden.

Somit schien nicht nur das Motto der Tagung „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ sondern  auch deren Ort treffend gewählt, um die hochambivalente Wiederannäherung an den Topos Berlin zu unterstützen.

Georg Bruns beschrieb zum Auftakt des Kongresses die Scheu und Angst vieler jüdischer emigrierter Psychoanalytiker, wieder nach Berlin zu kommen. Er schilderte auch die zerissene Identität deutscher Psychoanalytiker seiner Generation, die sich aus der Identifizierung mit dem Schicksal der jüdischen Kollegen aber auch aus der Auseinandersetzung mit den eigenen Müttern oder Vätern speist, was in dieser Gruppe nicht selten zu einer Hemmung des Denkens, auch in Bezug auf die Fortentwicklung psychoanalytischer Ideen, geführt hätte.

Wie läßt sich nun die Atmosphäre des Kongresses wiedergeben, was sollte besonders Erwähnung finden?

Hierzu gehört sicher die Faszination, die von der Sprachenvielfalt, den vier oft simultan übersetzten Kongresssprachen und den mit ihnen verbundenen Psychoanalytikern ausging. Sie gehörten zur großen Gruppe nordamerikanischer und britischer Kollegen, zu den stark auch auf den Podien präsenten Psychoanalytikern aus Südamerika, wobei auch die Zahl der Psychoalytikerinnen beeindruckte, den sehr eigenständig wirkenden französischen Mitgliedern der IPA und zur Gruppe deutschsprachiger Psychoanalytiker, hier vor allem aus dem Land der Gastgeber. Juan Pablo Jiménez de la Jara (Chile) verglich in der Abschlussitzung die Atmosphäre des Kongresses mit den Bauernmärkten Lateinamerikas, mit deren Lebendigkeit und der Vielfalt ihres Angebots.

Nun ist es sicher schwer, bei 228 ausgewiesenen Veranstaltungen dem Leser ein repräsentatives Bild zu geben. Deshalb hatte sich der Berichterstatter etwas durch die Tage des Kongresses treiben lassen, nicht ohne Fokussierung auf die aktuelle Situation der Psychoanalyse und das Spezifische dieser Berliner Zusammenkunft.

Hochinteressant erwies sich bereits in der Morgensitzung des ersten Kongresstages eine Diskussion über die „Auswirkungen eines theoretischen und klinischen Pluralismus auf Analytiker und die analytische Ausbildung“. Alle Diskutanten schienen sich einig, daß es heute weltweit schwierig sei, „nicht-pluralistische“ Ausbildungsinstitute zu finden. Ein besonders intensiv diskutiertes Problem war das Verhältnis von Theorienbildung und klinischer Praxis, wobei von vielen Teilnehmern der Diskussion darauf verwiesen wurde, daß es für die klinische Arbeit wohl doch wichtig sei, diese mit theoretischem Background zu leisten. Hierbei sei es jedoch unpräzise, zu sagen: „Ich denke wie Bion, Winnicott oder Meltzer“. Auch könne ein „Misch-Masch“ von zehn oder mehr Theorien sicher keine guten Interpretationen liefern. Wichtig sei es, dass der Lehrende den Studierenden seine klinische Arbeit vorstelle. Theorien könnten auch in einer Art der Selbstsupervision der eigenen klinischen Arbeit genutzt werden. Letztendlich sei im Spannungsfeld von Theorienbildung und klinischer Praxis wohl aber immer vor allem die Kohärenz in Bezug auf den Patienten von entscheidener Bedeutung.

In der Abschlußsitzung des Kongresses schilderte Anna Christopoulos (Griechenland), Vorsitzende von IPSO, der Nachwuchsorganisation der IPA, die Schwierigkeit der Ausbildungskandidaten, die sich aus der weltweit sehr verschiedenen Praxis  und einer nicht selten verbundenen Odyssee innerhalb der Ausbildung  ergeben würden. So sei es oft schwierig, den „richtigen“ Patienten zu finden und die geforderte Behandlungsfrequenz zu gewährleisten. Dabei ginge es heute eher darum, „den analytischen Patienten zu schaffen“ und hierbei auch einen Übergang von Psychotherapie zur Psychoanalyse zu ermöglichen, wobei es jetzt schon Lehrveranstaltungen gäbe, die sich dieser Thematik annehmen würden.

Zu intensiver Diskussion wurde die Veranstaltung „Entwicklung und Kontroversen in der Psychoanalyse: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ genutzt. Ausgehend von den von Martin Bergmann (USA) vorgestellten Paradigmen der Psychoanalyse kam es zur Auseinandersetzung über die aktuelle Situation und die Zukunft der Psychoanalyse, wobei Helmut Thomä (Ulm) eindringlich deren aktuelle Krise ansprach. Er setzte seine Hoffnung in vergleichende und am Ergebnis orientierte Untersuchungen zu Prozessen bzw. Schulen und forderte eine moderne Psychoanalyse, die sich auf wissenschaftlicher Ebene auseinandersetzt. Madeleine Baranger (Argentinien) sah trotz Bedrohungen und Enttäuschungen eine Zukunft für die Psychoanalyse, deren Entdeckungen und Weiterentwicklungen unumkehrbar seien. Angriffe kämen eher von innen, z. B. dann, wenn Psychoanalyse an der Universität als Tiefenpsychologie gelehrt werde (!). Psychoanalyse und Psychotherapie sollten aus ihrer Sicht nicht vermischt werden, die Anerkennung kindlicher Sexualität und der Übertragung seien unabdingbar. Sie plädierte dafür, nicht mehr sondern eher weniger Kandidaten auszubilden. Die analytischen Konzepte sollten immer mehr verfeinert und nicht verwässert werden, Psychoanalytiker könnten jedoch auch Psychotherapien durchführen. Martin Bergmann forderte in der Diskussion Vielfalt auch für die Zukunft, wobei sich die Psychoanalyse verändern wird und muß. Sicher werden laut Thomä hierbei viele Wege nach Rom führen, wobei in Abwandlung von Paul Feyerabend für die Psychoanalyse eher gelte: „Anything doesn´t goes.“

Der amtierende Präsident der IPA Cláudio Laks Eizirik (Brasilien) griff in der Eröffnungssitzung des Kongresses dieses Thema auf, sieht die Psychoanalyse im Zeichen des Wandels, als etwas Unfertiges.
Die ganze Spannbreite der wissenschaftlichen Auseinandersetzung wird vielleicht durch zwei Vorträge belegt, welche in Stil und Diktion unterschiedlicher kaum sein können.

Da ist zum einen der Auftritt des wildgelockten jungenhaften Grauschopfes und neuropsychoanalytischen „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“ Mark Solms (Johannesburg/London/New York), der in vertrauter Eloquenz „(S)eine klinische neuropsychoanalytische Perspektive auf Erinnerung, Wiederholung und Veränderung“ vorstellte. Er ging hierbei von Freuds frühen neurologischen Arbeiten und dem Freud-Fliess-Briefwechsel aus, sprach über verschiedene Gedächtnissysteme des Menschen, über emotionales Lernen und episodische Erinnerung. Hierbei müssten aus heutiger Sicht Freuds Vorstellungen von kindlicher Amnesie anders gesehen werden, gäbe es doch bis zum dritten Lebensjahr ein zwar emotionales und prozedurales Lernen aber keine episodische Wahrnehmung bzw. Erinnerung. Erst relativ spät, im Alter zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr würde über Ich-Funktionen die (episodische) Erinnerung aktiv in das Gedächtnis gebracht. Würde aber, zum Beispiel aufgrund von Hirnläsionen, dieses Wissen oder Gedächtnis nicht abgerufen, gäbe es den Zwang zur Wiederholung, was Solms anhand einer Fallvorstellung eines am Hirntumor operierten Patienten, dessen „höchstes Exekutivorgan defekt“ war, plastisch schildern konnte. Mark Solms erneuerte seine Forderung, dass die Psychoanalyse neue Konzepte gemeinsam mit den Neurowissenschaften erarbeiten solle, seien doch die Veränderungen im Vorderhirn Erfolg der Psychoanalyse.

André Greens (Frankreich) Vortrag „Wiederholungszwang und Lustprinzip“ ließ das Freudsche Denken Revue passieren. Green verwies unter anderem auf die Pariser psychosomatische Schule, auf deren Wissen um das Leiden psychosomatischer Patienten an fehlender Reflexion. Handeln und Acting Out seien aus seiner Sicht Ausdruck des Wiederholungszwanges, was er anhand seiner Arbeit mit einer Patientin plastisch darstellt.

Ein Schwerpunkt des Kongresses war sicher die Geschichte der Psychoanalyse, vor allem aber deren Bezug zum Kongressort Berlin. So widmeten sich jeweils drei aufeinander bezogene Veranstaltungen den Themen „Persönliche Geschichte und Drittes Reich“ bzw. „Emigration aus Berlin und Transfer von Theorien und instututionellen Regularien“. Darüber hinaus gab es je eine Veranstaltung zum Thema „Berliner Psychoanalyse und Kultur“ und zur Geschichte der IPA-Kongresse. So wurde in der zuletzt aufgeführten Veranstaltung Freuds „splendid isolation“, welche nur vom Briefwechsel mit Wilhelm Fließ unterbrochen war, vor Beginn der Institutionalisierung der Psychoanalyse als eine Chance für Freud als Denker diskutiert. Alle psychoanalytischen Kongresse wären durch die Tatsache geprägt, daß sich wissenschaftliche Themen immer mit intersubjektiven Problemen vermischt hätten. Freud sei hierbei immer Übertragungsfigur gewesen.

Eran Rolnik (Israel) sprach über die Entwicklung der Psychoanalyse in Palästina/Israel nach der Emigration von Max Eitingon, Moshe Wulf und anderer Psychoanalytiker nach Israel. In der Diskussion wurde unter anderem der Frage nachgegangen, inwieweit die Essentials des Berliner Psychoanalytischen Institutes übernommen wurden, ob spezielle Berliner Aspekte, wie soziales Engagement, nach Palästina aber auch nach Großbritannien übertragen wurden, wobei Michael Schröter (Berlin) auch fragte, ob  „Berlin eher medizinalisiert“ gewesen sei. Nelly Thompson (New York) stellte ein Manuskript Craig Tomlinsons (USA) über Sándor Radós Wirken am New Yorker Institut vor. Michael Schröter (Berlin) referierte das in Berlin entwickelte „Eitingon-Modell“ der psychoanalytischen Ausbildung, verwies auf die zunehmende Eigenständigkeit amerikanischer Analytiker vor allem in den 30er Jahren und resümierte, daß wohl die persönlichen Kontakte der aus Berlin emigrierten Analytiker weltweit stärker die Etablierung dieses Modells förderten als die Aktivitäten des Internationalen Unterrichtsausschusses der IPA.. Ludger Hermanns (Berlin) ging der Frage nach, warum es nach dem Krieg keine Rückkehr der emigrierten Psychoanalytiker gab, beschrieb die Atmosphäre der Nachkriegszeit und speziell die Isolation des aus Ostafrika nach Berlin zurückgekehrten Ernst Simenauer.

Zu den besonderen Höhepunkten des Kongresses gehörten sicher auch die psychoanalytischen Stadtrundfahrten am Sonntagmorgen. Eine der drei Touren wurde von Peter Loewenberg (Los Angeles) und Ludger Herrmanns (Berlin) begleitet. Sie führte vom Tagungsort über Berlins Mitte an die Wohn- und Arbeitsstätten von Psychoanalytikern, die in Bezug zu Emigration, Widerstand und Anpassung standen, und endete in einer maßgeblich von Regine Lockot (Berlin) gestalteten Ausstellung in einem Untergrundbahnhof.

Auf dem Podium der Abschlußsitzung des Kongresses wurde vom amtierenden IPA-Präsidenten Eizirik noch einmal auf die Atmosphäre offener Diskussion, die ohne unfruchtbare Positionskämpfe auskam, verwiesen, wobei die Vielfalt der Theorien in der Psychoanalyse auch als Zeichen der Lebendigkeit der Psychoanalyse gewertet wurde.

Somit umfasste die auf dem Kongress sich präsentierende Psychoanalyse des Jahres 2007 sehr viel mehr als der selbstironische Kommentar „You´re born, you deconstruct your childhood and then you die“ eines der von Michael Freund zusammengestellten „Cartoons about Psychoanalysis“ des New Yorker der Jahre 1927-2005, welche in der Lobby des feinen „Hotel Maritim“ nicht wenige Kongressteilnehmer zum Schmunzeln brachten, beschreiben konnte.

Sie macht den Berichterstatter schon auf den 46. IPA- Kongress, zu dem Cláudio Laks Eizirik für 2009 nach Chigaco einlud, neugierig.


Dr. med. Peter Vogelsänger
Facharzt für Psychotherapeutische Medizin,
Kinderarzt und Psychoanalytiker
Scheiblerstr. 27, 12437 Berlin
Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-MailPeter.vogelsaenger@t-online.de



Quellen / Links:

Der Autor hat zur Geschichte der Psychoanalyse eine Monografie vorgelegt: Psychopolis Berlin 1900-1933: Orte, Lebenswege, Konzepte ... (Ein illustrierter Stadtführer). Pabst 2006, 120 Seiten plus Kartenwerk, ISBN 978-3-89967-341-8









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