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06-09-07
Die Gender-Identität wird mit zunehmendem Alter differenzierter

Ruth Rustemeyer und Natalie Fischer stellen aus sozialpsychologischer Perspektive grundlegende Paradigmen der Selbstforschung (personality paradigm, information processing paradigm and dynamic interactionism) vor; die daraus resultierenden Paradoxa des Selbst werden am Beispiel der Entwicklung der Gender-Identität aufgezeigt.
Die Ausgangsthese der traditionellen Selbstforschung besagt, dass ein einheitliches (unity), stabiles, überdauerndes Selbst existiert, das dem Individuum personale Kontinuität und Identität vermittelt. Diese Theorie geht vom Eigenschaftsansatz (trait) des Selbst aus. Versuche, aufgrund individueller, überdauernder Merkmale das Verhalten von Personen auf empirischer Basis vorherzusagen, belegen jedoch durchweg nur eine geringe Verhaltenskonsistenz.
Das daraus resultierende Konsistenzparadox war ein Ausgangspunkt der Dispositionismus-Situationismus-Kontroverse. Die Berücksichtigung situativer, kontextabhängiger Einflüsse, die dann besonders im Situationismus betont wurden, führte zunächst dazu, dass der Einfluss von Persönlichkeitseigenschaften in Frage gestellt wurde. Das Selbst wurde als Spiegelbild der Reaktionen Anderer auf die eigene Person verstanden ("looking glass self").
Auch dieser Ansatz erwies sich empirisch wie theoretisch als unbefriedigend, so dass der Social-Cognition-Ansatz eine Neuorientierung versuchte. Das Selbst wird in diesem Ansatz als eine (dynamische) Struktur relativ überdauernder Selbst-Schemata (oder Selbstkonstrukte) beschrieben. Die Selbst-Schemata liefern einen Interpretationsrahmen für die Verarbeitung selbstrelevanter Informationen (Greenwald & Pratkanis, 1984; Kihlstrom & Cantor, 1984; Markus & Sentis, 1982). Eine Weiterentwicklung dieses Ansatzes zum dynamischen Selbst (dynamic self-concept, Markus & Wurf, 1987) betont stärker den dynamischen und flexiblen Charakter des Selbst. Danach ist das Selbst zum einen strukturell multipel, d.h. es besteht aus mehreren kontextgebundenen Substrukturen, und zum anderen prozedural flexibel, d.h. es kann immer nur auf eine Teilmenge der Substrukturen zugegriffen werden (Hannover, 1997).
Die theoretische Modellierung der Flexibilität und Plastizität, insbesondere in Bezug auf die Bedeutung sozialer Einflüsse auf das Selbst, wird durch die Differenzierung in Struktur- und Prozessannahmen besser unterstützt als im Eigenschaftsparadigma. Das zweite Selbstparadox, nämlich die erlebte Einheit(lichkeit) (unity) des Selbst bei gleichzeitiger Variabilität des Selbst, wird hier deutlich.
Während im Eigenschaftsparadigma die Einheit und Stabilität des Selbst im Vordergrund stehen, wird im Social-Cognition-Ansatz stärker die Variabilität des Selbst (strukturell multipel und prozedural flexibel) betont.
Differenzierte Aussagen zur Entwicklung der Gender-Identität können vor allem innerhalb des Social-Cognition-Ansatzes, der zum Informationsverarbeitungsparadigma zählt, gemacht werden. Analog zum Selbst-Schema geht man davon aus, dass ein Geschlechterschema (gender-schema) existiert (Markus, Crane, Bernstein & Siladi, 1982; Bem 1981), das geschlechtsbezogenes Selbst-Wissen repräsentiert, also das Selbst-Verständnis der Person als Mann oder Frau. Diese geschlechtsbezogene Selbstkonstruktion bildet die Grundlage der Gender-Identität. Sie wird mit zunehmendem Alter differenzierter und durchläuft vermutlich wiederholt verschiedene Phasen des Übergangs (Konstruktion, Konsolidation und Integration) (vgl. Ruble, 1994), die bei großen Lebensveränderungen wirksam werden. Das soziale Umfeld spielt für die Ausprägung kulturabhängiger Unterschiede (vgl. Markus & Oyserman, 1998), aber auch individueller Unterschiede, eine zentrale Rolle. Flexibilität und Plastizität der Gender-Identität können - wie in der Selbstforschung - durch Unterschiede in den verschiedenen Quellen der Aktivierung (chronische und temporäre Aktivierungsquellen, vgl. Markus & Kitayama, 1991) gender-bezogenen Selbst-Wissens erklärt werden. Vor allem chronische Aktivierungsquellen (kultureller Kontext, aber auch Erwartungen und Überzeugungen der Person) führen nach diesem Ansatz zu einer stabilen Gender-Identität, während temporäre, situationsspezifische Aktivierungen zur Flexibilität der Gender-Identität beitragen.
Auch hier zeigt sich das Paradox der wahrgenommenen Einheit und Stabilität versus Flexibilität und Plastizität geschlechtsbezogener Selbstkonstruktionen. Dabei bleiben noch viele Fragen ungeklärt, z.B. in welchem Verhältnis chronische und temporäre Aktivierungsquellen stehen, wie es zur Ausbildung chronischer Aktivierungsquellen der Person kommt, welche Veränderungen es über das Lebensalter hinweg gibt usw.
Den letzten Schritt der theoretischen Entwicklung stellt der dynamisch-interaktionistische Ansatz dar, der allerdings bislang nur in wenigen empirischen Studien realisiert werden konnte. Da der interaktionistische Ansatz dynamische Wechselwirkungen zwischen Person und Umwelt berücksichtigt und hierbei auch die Langzeitperspektive mit einbezieht, könnte er in Zukunft zur Lösung der zentralen Paradoxa beitragen.
Quellen / Links:
Rustemeyer, R. & Fischer, N. (2007): Paradigms of Self-Concept Research with Focus on Gender Identity. In: Rapp, R., Sedlmeier, P. & zunker-Rapp, G. (Eds), Perspectives on Cognition. Pabst 2007, ISBN 978-3-89967-314-2.
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