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28-08-07
Schwierige Zeiten für Gemeindepsychiatrie


Vor 20 Jahren – 1987 – wurden von Matthias Krisor die Herner Gemeindepsychiatrischen Gespräche ins Leben gerufen. Als Leiter der psychiatrischen Fachklinik Marien-Hospital Eickel ging es Krisor von Anfang an bei diesen Gemeindepsychiatrischen Gesprächen darum, die Praxis der Gemeindepsychiatrie, wie sie in Herne lebendig und vielseitig mit ihrer Offenheit nach innen und außen ausgebildet wurde, unter allen an der Gemeindepsychiatrie Beteiligten mit Einschluss der Patienten und Angehörigen auf den Prüfstand zu stellen. Auch im 10. Gespräch, das 2005 stattfand, gelang die beabsichtigte Bestandsaufnahme und Prüfung der Gemeindepsychiatrie, wie der unter dem Titel: „Gerade in schwierigen Zeiten: Gemeindepsychiatrie verankern“ von Matthias Krisor und Kerstin Wunderlich herausgegebene Tagungsband eindrücklich beweist.


In seinem Beitrag „Geschichte und aktuelle Situation der französischen Sektorpsychiatrie“ nennt Jean Ayme, langjähriger Präsident der französischen Psychiatriegewerkschaft, die Denkmuster einer allzu sehr dem zeitgemäßen ökonomischen „Denken“ folgenden Psychiatrie: Banalisierung der Psychiatrie, Begeisterung für Kurztherapien, Verringerung der Gesundheitsausgaben und Definition der Chronizität als soziales Problem. Von den Vertretern der zeitgemäßen Psychiatrie werden Behinderung statt Behandlung, Deinstitutionalisierung und Rehabilitation propagiert. Außerdem verliert Ayme zufolge die neue Psychiatrie immer mehr ihren Bezug zur Psychoanalyse und zur Phänomenologie, um so „eine Medizin neben anderen“ (S. 155) zu werden.

Jean Oury, Mitbegründer der „Institutionellen Psychotherapie“ und langjähriger Leiter einer psychiatrischen Modellklinik („la Borde“) weist in seinem Beitrag auf weitere Tatbestände und Tendenzen hin, die die Gemeindepsychiatrie in schwierigen Zeiten gefährden können: Da gibt es die aus ökonomischen Zwängen geborenen Zeitvorgaben, die außer acht lassen, dass z. B. in der Betreuung psychotischer Patienten das Engagement auf lange Sicht gelten muss. „Dem Patienten muss man Zeit lassen, Wurzeln zu fassen und Sicherheit zu gewinnen im Umgang mit den anderen“ (S. 157). Auch weist er auf die Gefahr hin, die Kranken vorzeitig aus der schützenden Umgebung des Spitals zu entlassen und auf viele Einzelzimmer in der Stadt mit der Folge zu verteilen, dass „radikale Vereinsamung“ und Chronifizierung entstehen.

Natürlich ist das Spektrum der auf dieser Tagung angesprochenen Themen weiter gefasst: Psychiatrie und Psychotherapie, strukturelle Aspekte der Gemeindepsychiatrie, die Psychiatriereform in Frankreich und der Schweiz sowie die Bewältigung von Krieg und Verfolgung in Israel und Palästina.

Der vorliegende Tagungsband komplettiert die bisher erschienenen 8 Bände und dokumentiert damit das wohl letzte der von Matthias Krisor inspirierten „Gespräche“. Der Anwalt einer Gemeindepsychiatrie mit offenen und gewaltfreien Strukturen ist erkrankt und wird seine Arbeit nicht mehr fortsetzen. So geht in Herne eine gemeindepsychiatrische Ära zu Ende.



Quellen / Links:

Matthias Krisor, Kerstin Wunderlich (Hrsg.): Gerade in schwierigen Zeiten: Gemeindepsychiatrie verankern. Pabst Science Publishers, Lengerich 2007, 247 S.









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