03-05-07
Kriminell und krank – krank und kriminell?

13. Forensische Fachtagung „Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll“ in den Rheinischen Landeskliniken Bedburg-Hau
Ist Kriminalität eine Krankheit? Diese Frage spaltete bisher die forensische Fachwelt: Für die einen ist menschliches Handeln allein durch die soziale Umwelt festgelegt. Die anderen meinen, dass die Gene für die Handlungen verantwortlich sind.
Sowohl als auch, meint Professor Dr. Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld. Auch für ihn steht fest, dass bestimmte Genabweichungen ungewöhnlich oft zu gewaltbereitem und asozialem Verhalten führen. Untersuchungen belegen, dass bei vielen Straftätern psychotische Störungen oder Hirnschäden diagnostiziert werden können. Doch Kriminalität ist nicht alleine eine Frage der Gene. Entscheidend ist für Markowitsch ein Wechselspiel aus Genen und Umwelt. Die Umwelteinflüsse schalten nicht nur die „kriminellen“ Gene eines Menschen an oder aus. Damit ist die soziale Umwelt der zentrale Faktor für die Entwicklung der Persönlichkeit und eben auch für kriminelles Handeln. Wer oder was sorgt also dafür, dass Menschen kriminell werden? Sind Straftäter verantwortlich für ihre Taten? Und wie sollte die Gesellschaft dann mit Ihnen umgehen? Macht die Behandlung straffällig gewordener Menschen einen Sinn oder ist das Sozialromantik? Ist ein Patient im Maßregelvollzug ein krimineller Kranker oder ein kranker Krimineller? Auf diese Fragen wollen rund 200 Teilnehmer/innen der Forensischen Fachtagung „Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll“ Antworten finden. Vom 8. bis 10. Mai diskutieren sie in den Rheinischen Landeskliniken Bedburg-Hau über die Arbeit im Maßregelvollzug und die Zukunft der therapeutischen Arbeit unter erschwerten Bedingungen. Die Arbeit mit den Patienten in der Forensik wird komplizierter, weil vermehrt Täter, die Gewalt-, Sexual- und andere Kapitaldelikte begangen haben, behandelt werden. Die Anzahl der Patienten im Maßregelvollzug hat sich in den letzten 30 Jahren verfünffacht. „Die Einteilung in therapierbare und nicht-therapierbare Straftäter mutet zum Teil willkürlich an“, meint auch Dr. iur. Helmut Pollähne vom Institut für Kriminalpolitik der Universität Bremen. Er wird auf die Frage näher eingehen, was sich denn aus Sicht eines Juristen ändern muss, um Patienten im Maßregelvollzug effektiv zu behandeln. Das ist nicht nur eine therapeutische, sondern auch eine wirtschaftliche Frage: Immerhin kostet die Unterbringung eines Patienten in der Maßregel im günstigsten Fall rund 200,- Euro pro Tag – und das bei ca. 1600 Patienten im Maßregelvollzug allein in NRW. Nicht nur für Bedburg-Hau, mit rund 460 Patienten eine der größten forensischen Kliniken Deutschlands, ist es darum von zentralem Interesse, neue Lösungsansätze zu finden. Was hat sich in den letzten Jahren in der Behandlung forensischer Patienten geändert? Wie kann menschliches Handeln heutzutage besser vorhergesagt und können Krankheiten besser erfasst und beschrieben werden? Können die Menschen nun besser behandelt werden? Ralf Wolf, Ärztlicher Direktor der Forensischen Klinik Hadamar, versucht auf diese Fragen eine Antwort zu geben, indem er die Entwicklungen im Maßregelvollzug am Beispiel des Landes Hessen beschreibt. Die Fachtagung ist darüber hinaus ein grenzübergreifender und Grenzen überschreitender Dialog. Zum 13. Mal kooperieren die forensischen Abteilungen der Rheinischen Kliniken Bedburg-Hau mit der „Zorggroep Intensieve en Forensische Psychiatrie van GGzE“ in Eindhoven. Eine fruchtbare Zusammenarbeit, da z.B. abhängige Straftäter im europäischen Ausland meist anders behandelt oder überhaupt nicht behandelt werden. In den Niederlanden gibt es bisher beispielsweise keine Therapie in einem eigenen forensischen Suchtbereich. Abhängige Straftäter werden dort projektmäßig in Gefängnissen betreut. Über die Behandlungssituation in der niederländischen Forensik referieren Drs. Helena A. Feringa aus Groningen und Drs. Frans Koenraadt von der Universität Utrecht. Alle Berufsgruppen, die direkt oder indirekt mit der Behandlung abhängiger oder psychisch erkrankter Straftäter zu tun haben, sollen miteinander über den Stand der Behandlung sowie notwendige Anpassungen und Veränderungen diskutieren. Während der bisherigen Tagungen konnten gemeinsame Forschungsprojekte, Arbeitsstrukturen, -grundlagen und -inhalte, sowie gesellschaftliche Grundeinstellungen kritisch vergleichend diskutiert, dargestellt und in den klinischen Alltag eingebracht werden. In diesem Jahr soll insbesondere über die Frage diskutiert werden, welche Krankheiten im Maßregelvollzug behandelt werden, wie sie entstehen und wie die Patienten (oder doch Gefangene?) therapiert werden sollen. Die 13 angebotenen Workshops gehen dann auf grundsätzliche Probleme des Klinikalltags ein: Aggression, Dissozialität und Gewalt. Gleichzeitig sollen praktische Anwendungsmöglichkeiten, wie Verhaltensvorhersage und besondere Therapieschritte vertieft werden. Ein wichtiger Diskussionspunkt wird sein, ob es Merkmale gibt, die schon im Vorfeld auf eine erfolgreiche Behandlung hindeuten. Es muss aber auch darüber gesprochen werden, was mit den Patienten geschieht, die im Grunde ohne Entlassungsperspektive sind oder wie der Übergang vom stationären zum ambulanten Bereich zu regulieren ist. Am Donnerstag, den 10.05.2007 runden Darstellungen verschiedener Projekte in den Niederlanden und in Deutschland die Tagung ab. Vor allem wird dort gezeigt, wie sich Gewalt im stationären Alltag strategisch verhindern lässt. Die Menschen außerhalb der forensischen Klinken haben ein Anrecht darauf, vor erneuten Straftaten geschützt zu werden. Ein Projekt in den Niederlanden beschäftigt sich daher mit der Frage, welche Bedingungen forensische Patienten erfüllen müssen, um sich außerhalb der Klinik aufhalten zu können.
Kontakt: Michael.Bay@lvr.de
Quellen / Links:
Heinze, M., Fuchs, T., Reischies, F. (Hrsg.)(2006): Willensfreiheit – eine Illusion? Naturalismus und Psychiatrie. Pabst, ISBN 978-3-89967-337-1, 256 Seiten, 20,- Euro.
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