26-04-07 Bildungs-Planwirtschaft: Analysen zu universitärem fast food
"Modularisierung" eignet sich als Unwort des Jahres, empfehlen Prof. Jürgen van Oorschot und Dr. Lars Allolio-Näcke. Der in Tortenstücke portionierte Wissenskuchen werde den wissenschaftlichen Nachwuchs künftig auf fast-food-Ernährung setzen - schlichte Berufsausbildung an den Universitäten. Den Bologna-Prozess analysieren die Autoren in "Psychologie und Gesellschaftskritik" 1/2007 als banale "Ökonomisierung von Wissen".
"Die mit dem Stichwort ´Bologna` verbundenen Debatten zur Instituierung neuer Standards und Richtlinien in der europäischen Hochschullandschaft kranken vor allem an einem: Es fehlt die Parrhesie (Freimütigkeit) des Wahrsprechens auf beiden Seiten" - bei der politischen Führung als Agens einerseits und bei Dozierenden wie Studierenden anderseits. Die Erlanger Autoren machen sich den Befund von Konrad Liessmann zueigen: "Es gehört zu den Ironien der Weltgeschichte, dass die Marxsche Arbeitswert-Lehre, die von den Wirtschaftswissenschaften mit Abscheu ad acta gelegt wurde, in der europäischen Bildungs-Planwirtschaft fröhlich Urständ feiert ... Solch eine Renaissance des Marxismus im Zentrum einer sich selbst als liberal missverstehenden Bildungsreform ist wahrlich nicht zu verachten ..." Auch bei der Deutschen Gesellschaft für Psychologie orten die Autoren eine Regelungsfreude bis in´s Detail - und hinterfragen, "was wissenschaftliche Produktivität und Kreativität dann noch bedeuten kann: Produktivkraft wohl nur noch nach den Oberflächenerfordernissen des Kapitalakkumulationsprozesses, vulgo des Neoliberalismus." Die neue Bildungs-Planwirtschaft fesselt sich selbst durch fremdgesteuerte, Milliarden-teure bürokratische Strukturen - und induziert Gegenreaktionen. Diesen widmen Oorschot und Allolio-Näcke engagierte, kreative Überlegungen. (Bild: com_unit/P.Spiola)