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13-03-07
Ein Lungentransplantierter empfindet seinen Spender als lebendig


Einige Transplantierte empfinden noch Jahre nach der Organübertragung den Spender als eine lebendige, real anwesende, mächtige Person mit idealen Eigenschaften. Diese Empfindung hilft dem Patienten bei der Alltagsbewältigung. In seiner Gefühlswelt gehört das transplantierte Organ beiden: dem Spender wie dem Empfänger. Dr. Lutz Götzmann, Universitätsspital Zürich, hat einen Lungentransplantierten mit diesen Emotionen interviewt. Für den Empfänger sind Organ und Spender sogenannte "Übergangsobjekte".


Der Patient:

"Ich weiß jetzt nicht, von wem ich das Organ habe - aber für diese Person bete ich jeden Tag. Ich bin nicht einer, der jeden Tag in die Kirche läuft, aber ich bete für diese Person jeden Tag. Die habe ich nie vergessen, die habe ich eingeschlossen, die ist jeden Tag für mich da. Wenn ich am Morgen aufstehe und atme, weiß ich ganz genau: Es ist nicht selbstverständlich, dass ich das Organ bekam. Das Organ hätte auch ein anderer beommen können.

Die Person hat mir das Organ geschenkt. Ich habe es jetzt einfach in mir persönlich drin. Ich habe jetzt zu dieser Person eine Beziehung aufgebaut. Für mich lebt einfach diese Person. Das müssen jetzt andere Leute nicht verstehen...

Das ist ein lebendes Organ, das ist ja nicht ein Bestandteil. Es ist ein blöder Ausdruck, wenn gesagt wird: Ein neuer Bestandteil ist drin. Also, ich bin doch kein Auto oder was! Letzthin hat mir einer gesagt: Wie geht ihr neues Bestandteil? Ich habe geantwortet: Das ist kein Bestandteil, es ist Leben, und der Spender lebt in mir weiter.

Ich rede mit dem Spender. Es klingt vielleicht komisch, aber ich habe zu ihm eine extreme Beziehung. Die Leute, ich habe mit vielen diskutiert, viele sehen das leider so: Wenn einer stirbt, heißt das ja, er ist tot, und seine Organe sind tot. Aber ich finde: Das sind nicht tote Organe! Das ist ein Teil von diesem Menschen, und der Mensch lebt weiter. So lange, wie das Organ lebt, lebt auch der Mensch. Die Hülle dieses Menschen ist nicht da, aber der Mensch lebt weiter ..."

Im weiteren Verlauf des Interviews beobachtet Dr. Götzmann: "Der Patient macht sich bestimmte Vorstellungen über den Spender, die in den wesentlichen Punkten seinem Selbstbild entsprechen. Beide lieben die Natur, sind kontaktfreudig, sportlich und haben an einer schweren körperlichen Erkrankung gelitten. In der subjektiven Wahrnehmung wird der Spender als eine zwar unsichtbare, aber real anwesende Person erlebt. Er ist mächtig, hilfreich, gibt Ratschläge, tröstet und er ist in einer unaufdringlichen, wohlwollenden Weise da, wenn der Patient ihn braucht. Die Kommunikation mit dem Spender beruht hauptsächlich auf einer magischen Gedankenübertragung. Zudem hat der Spender nach seinem Tod veranlasst, dass seine Lunge explizit Herrn B. transplantiert wurde."   

Magische Empfindungen dieser Art bergen einerseits das Risiko, dass der Patient möglicherweise seine Transplantation nicht optimal verarbeitet; dies erschwert u.U. die Integration in das soziale und berufliche Umfeld. 

Anderseits beobachtet Dr. Götzmann kreatives Potential: Bei dem beschriebenen Lungentransplantierten trägt der phantasierte Spender "dazu bei, Ängste und Ungewissheiten zu bewältigen"; der Patient kann damit auch weitere erfolgreiche Bewältigungsstrategien einsetzen - wie etwa Sinngebung, positives Denken oder aktives Handeln. 



Quellen / Links:

Lutz Götzmann: Transplantierte Organe und ihre Spender als Übergangsobjekte. Psychoanalyse Nr. 18, S. 28-39.









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