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29-01-07
Hirngespinst «Ich»

Ist der Mensch frei und als soziales Wesen einzigartig, oder ist sein Denken, Fühlen und Handeln im limbischen System seines Gehirns vorgespurt? Die Neurowissenschaft hat in den vergangenen Jahren Verfahren entwickelt, mit denen sich Energiebedarf, elektrische Aktivität und Veränderungen von Magnetfeldern in den einzelnen Hirnregionen bildgebend messen lassen.
Nicht nur kognitive Funktionen wie das Sprachverstehen oder Gedächtnisprozesse will die Hirnforschung solcherart sichtbar machen, sondern auch Emotionen. Entsprechend wird das Denken und Erleben (wie auch das Fällen von Entscheidungen) zusehends als physikochemisch messbarer Prozess verstanden - was die Frage aufkommen lässt, ob denn unsere «Seele» bloss ein «Hirngespinst» ist, ein Produkt mess- und manipulierbarer neurophysiologischer Prozesse. Die Hirnforscher räumen zwar ein, dass allein das Wissen, wo sich einzelne Prozesse im Hirn abspielen, noch nichts über das Wie und das Warum aussagt. Und dennoch werden die Erwartungen sehr hoch gesteckt: Man will künftig nicht nur degenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson behandeln können, sondern auch psychische Störungen und Krankheiten wie Schizophrenie und Depression. Die Hirnforschung werde es dereinst erlauben, psychische Auffälligkeiten und Verhaltensdispositionen «zumindest in ihrer Tendenz» vorauszusehen und «Gegenmassnahmen» zu ergreifen, schrieben prominente Neurowissenschafter vor zwei Jahren im Magazin «Gehirn und Geist» (6/2004). Die Neurobiologie entfernt sich mit solchen Äusserungen von der Idee, dass der Mensch erst unter seinesgleichen zum Menschen wird und dass er sich nur in seiner individuellen Biografie als Mensch begreifen kann. Neurophysiologische Vorgänge lassen sich wohl als Voraussetzungen für Eindrücke, Denk- und Gefühlsregungen abbilden - sie sind aber keine solchen.
Quellen / Links:
Quelle: www.nzz.ch/2007/01/13/zf/kommentarET2K3.html
Heinze, M., Fuchs, T., Reischies, F. (Hrsg.) (2006): Willensfreiheit – eine Illusion? Naturalismus und Psychiatrie. 256 Seiten, ISBN 978-3-89967-337-1, Preis: 20,- Euro. Lengerich: Pabst.
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