08-01-07
Darmspiegelung mit Musik

Sanfte Melodien im Behandlungsraum helfen dem Patienten – sofern sie sorgfältig für ihn ausgewählt sind.
Johann Sebastian Bach war ein Tausendsassa, auch in der Medizin kannte er sich aus. Seine Goldberg-Variationen, ein riesiger Zyklus für Cembalo, sind ein musikalisches Beruhigungsmittel, komponiert für den schlaflosen russischen Gesandten am Dresdner Hof, Graf Hermann Carl von Keyserlingk, der vermutlich an Tinnitus litt.
Das tönende Medikament maskierte die Geräusche im Ohr und besänftigte den Mandelkern, das Angst- und Emotionszentrum im Gehirn. Und weil stets nur das einsame Cembalo zirpte, wurde der Klangreiz dem Grafen mit der Zeit vertrauter, schwächer, nebensächlicher. Bach, neurobiologisch gewieft, wusste also, dass sich bei seinem Hörer das Phänomen der Habituierung einstellen würde.
Die schöne Literatur ist voller Belege dafür, wie Musik Blutungen stillt, Schmerzen dämpft, Müde weckt, Wache einschläfert oder zu den vermeintlich toten Zonen von Hirnkranken vordringt. Musik als Medizin – funktioniert das wirklich? Viele Ärzte, Psychologen und Pädagogen sind davon überzeugt und setzen sie immer häufiger zur Therapie ein. Türkische Urologen nutzen sie, wenn sie Nierensteine zertrümmern, Augenchirurgen in New York nutzen sie bei Star-Operationen, Anästhesisten in Montreal bei chirurgischen Eingriffen mit Spinalanästhesie. In Los Angeles fühlen Brustkrebspatientinnen sich wohler, wenn sie bei einer Feinnadel-Biopsie Musik hören.
Knapp 150 internationale Studien, die den günstigen Einfluss von Musik belegen, sind im Internet unter www.pubmed.gov zu finden. Manche dieser Studien sind sehr klein in der Stichprobengröße, dann fehlt ihnen die statistische Power. Aussagemächtige Metastudien fehlen bislang. Immerhin summieren sich die Einzelbefunde zu einem glaubwürdigen Gesamtbild.
Sie beschreiben vor allem die Wirkung von Musik auf das vegetative Nervensystem, auf Schmerztoleranz und Stressminderung. So teilten Mediziner des Münchner Universitätsklinikums Innenstadt 146 Patienten, die für eine Darmspiegelung vorgesehen waren, in zwei Gruppen auf: Die eine bekam entspannende Musik zu hören, die andere nicht. Die Patienten der Musikgruppe verbrauchten weniger Schmerzmittel, zudem war bei ihnen die Untersuchung rascher beendet als in der Kontrollgruppe.
Quellen / Links:
Quelle: www.zeit.de/2007/02/M-Krankenhausmusik
Karl Hörmann: Musik in der Heilkunde. Künstlerische Musiktherapie als Angewandte Musikpsychologie. 2004, 432 Seiten, ISBN 3-89967-157-0, Preis: 30,- Euro. Lengerich: Pabst.
Martin Kusatz: Das Krefelder Modell (KM). Stellenwert der Musiktherapie in einem multimodalen Behandlungskonzept bei subakutem- und chronischem Tinnitus im ambulanten Setting. 2004, 120 Seiten, ISBN 3-89967-158-9, Preis: 15,- Euro. Lengerich: Pabst.
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