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06-04-18
Dienst im Strafvollzug: Warum der Druck auf die Beschäftigten steigt

Gesundheit und Haft: Der psychische Stress im Strafvollzug nimmt zu. Mitarbeiter und Häftlinge werden immer stärker belastet. Die Beziehungsarbeit psychosozialer Fachkräfte mit Gefangenen nimmt ab - im Interesse einer sogenannten Effizienzsteigerung, die in Wirklichkeit keine ist. Michaela Stiepel, Gefängnispsychologin in Berlin, zeichnet in ihrem Beitrag zum Fachbuch "Gesundheit und Haft" ein kritisches Bild.




 


 

Der Strafvollzug wird zunehmend umstrukturiert und nach Theorien des New Public Management (NPM) gesteuert. Folgen: "Zaghafte Kontakte, die zwischen vulnerablen Häftlingen und einzelnen Mitarbeitern der psychosozialen Dienste entstehen, werden tagtäglich durch gedankenlose Überweisungs- und Einweisungsverfahren zerstört, durch die Entlassungspolitik, die Rotation von Mitarbeitern, durch Ernennungssysteme, fest- oder vorgeschriebene Behandlungsquoten, bürokratische Systeme, finanzielle Kürzungen und organisatorische Umbauten. All dies zerschlägt die entstehenden Beziehungen und" be- oder verhindert eine verlässlich-kontinuierliche psychosoziale Arbeit. "So entsteht eine Umwelt, die eine psychisch unsichere und gefahrvolle, mitunter sogar toxische Realität konstituiert."

 

Beschäftigte im Vollzug stehen unter mehrfachem Druck, u.a.:

 

- Häufig gelingt es prototypischen Häftlingen, eigene psychische Inhalte in die Köpfe von Bediensteten zu exportieren und einzelne Beamte gegeneinander auszuspielen.

 

- Einzelne Häftlinge traktieren die Vollzugsbeamten anhaltend mit Unschuldsbeteuerungen; dies wirkt zunächst nur ermüdend. "Handelt es sich z.B. um eine Vergewaltigung, können sich weitere sogenannte Gegenübertragungsphänomene einstellen, wie das Erleben körperlicher Schmerzen." Die Entwicklung von Ekel ist nicht selten.

 

- Andere Gefangene "kleben" fast hilflos an Vollzugsbeamten und erheben quasi den Anspruch einer "All-inclusive-Versorgung". "Hier als einzelner Mitarbeiter Grenzen zu setzen, erscheint fast unmöglich. Ein begrenzender Umgang kann nur mit allen an der Behandlung Beteiligten eingeübt werden."

 

- Psychotiker - im Strafvollzug keine Seltenheit - sind in der Lage, unter Mitgefangenen ebenso wie unter Vollzugsbeamten die unterschiedlichsten Auseinandersetzungen auszulösen.

 

- Suizid oder schwere Gewalttaten gegen andere können den einzelnen Beamten schwer belasten. "Wird hier nicht rechtzeitig interveniert oder lehnen Mitarbeiter eine Krisenintervention ab, kann dies zu einer posttraumatischen Belastungsstörung beitragen, die zu möglichen, bereits erworbenen Mikrotraumen hinzukommt."

 

- Querulatorische Gefangene - evtl. mit einer paranoiden Grundstörung - nehmen sehr viel Energie von Beamten und Mithäftlingen in Anspruch.

 

- Gefangene im offenen Vollzug sind verpflichtet, in ihrer Zelle zu schlafen und können sich darüber hinaus annähernd frei bewegen. Für diese Gruppe sind Bedienstete oft lediglich Servicekräfte und Objekte. Wenn Vollzugsbeamte nicht mehr als Person wahrgenommen werden, fühlen sie sich nachhaltig verletzt - und sind außerstande, zur Resozialisierung der Straftäter beizutragen, berichtet Michaela Stiepel.

 

Im Handbuch "Gesundheit und Haft" bieten mehr als 40 Insider Einblicke in eine abgeschottete Welt, in der die Normen der Zivilgesellschaft teilweise aufgehoben zu sein scheinen; doch wird bei der Lektüre beklemmend deutlich, wie abhängig ebendiese Gesellschaft von der Welt hinter Mauern ist ...

 





Marc Lehmann, Marcus Behrens, Heike Drees (Hrsg.) Gesundheit und Haft - Handbuch für Justiz, Medizin, Psychologie und Sozialarbeit. Pabst, 612 Seiten Hardcover, ISBN 978-3-89967-897-0









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