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15-12-17
"Rituelle Gewalt": Wie ein Trauma die Erfindung von "Erinnerungen" anstößt

Unter dem Stichwort "rituelle Gewalt" sprechen - meist weibliche - Traumapatienten über psychischen, physischen und sexuellen Missbrauch in mafiös-kultartigen Horrorszenarien. Trotz hohen Engagements ist es der Polizei bisher in keinem einzigen Fall gelungen, betroffene Gewalttäterinnen oder Gewalttäter zu identifizieren und zu überführen. Die Kriminalistin Dr. Petra Hasselmann (Cuxhaven) hat in einer qualitativen Studie "Opfer" intensiv befragt und in die psychischen Hintergründe geblickt.


"Opfer" fühlen sich oft selbst ihrer eigenen "Erinnerungen" nicht sicher - und wünschen von polizeilichen Ermittlern ebenso wie von Psychotherapeuten eine Aufhellung und Bestätigung. Hasselmann konnte in ihren Interviews erkennen, wie Opfer - teils bereits in ihrer Kindheit - in ihren Herkunftsfamilien psychisch traumatisiert worden waren: z.B. Lisa, die nach dem Tod ihres Sohnes in eine Trauerkrise und Identitätskrise gestürzt war.

Immer wieder sieht Hasselmann bei Betroffenen "frühe Identitätskrisen bzw. Stufen der Orientierungslosigkeit und Identitätssuche", beginnend im Jugendlichenalter, inclusive depressiver suizidaler Phasen, psychosomatischer Störungen usw.. Die Studie sieht als mögliche Hinweise auf frühe Identitätskrisen:

  • Verlust eines Elternteils
  • Gleichgeschlechtliche Orientierung
  • NamensänderungErste therapeutische Behandlung im Kindesalter
  • Somatische oder psychosomatische Beschwerden im Kindesalter
  • Dysfunktionale Beziehungen zu den Eltern
  • Kindliche Erwartungshaltungen an Partner im Erwachsenenalter
  • Kein vertrauensvoller Umgang mit eigenen Kindern

Hasselmann fordert von Therapeuten "eine konstruktive und offene Befassung mit den Zweifeln sowie ein umsichtiges Aufarbeiten des tatsächlich Erlebten oder des falsch Erinnerten. Für Akteure im Hilfesystem ist hierfür eine Auseinandersetzung mit Glaubwürdigkeit und Glaubhaftigkeit, die die Ratsuchenden teilweise selbst einfordern, unumgänglich."

Zu den vielfach untersuchten, aber bisher nicht wirklich verstandenen Phänomenen der Psychologie zählt die Entstehung von "Erinnerungen" an Ereignisse, die nie, auch nicht in ähnlicher Form stattgefunden haben. "False Memory" ist keine bewusste Vortäuschung, Simulation o.ä., sondern ein Phänomen, unter dem Betroffene schwer leiden können und das meist nur aus der Gesamtbiografie plausibel wird.




Petra Hasselmann: Rituelle Gewalt und Dissoziative Identitätsstörung. Pabst, 280 Seiten. ISBN print 978-3-95853-288-5, ISBN e-book 978-3-95853-289-2

 

Claudia Fliß, Claudia Igney (Hrsg.): Handbuch Rituelle Gewalt. Pabst, 512 Seiten. ISBN print 978-3-89967-644-0

 

Hans Delfs: "Erinnerungen" an sexuellen Missbrauch, der nie stattfand. Pabst, 116 Seiten. ISBN print 978-3-95853-324-0

 









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