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20-11-17
Paul-Martini-Symposium: Neue Ansätze für die medikamentöse Therapie psychischer Erkrankungen

„Psychische Erkrankungen einschließlich Sucht bedeuten großes Leid für die direkt Betroffenen und ihre Angehörigen; und zudem verursachen sie jährlich mehr als 152 Milliarden Euro Kosten allein in Deutschland, insbesondere durch Arbeits- und Berufsunfähigkeit. Aus beiden Gründen ist es dringend geboten, neue Therapien zu entwickeln.“ Dies erklärte Prof. Dr. Peter Falkai, LMU München, beim Symposium „Neue Targets und Therapieansätze bei psychischen Erkrankungen“, das er zusammen mit Prof. Dr. Stefan Endres, LMU München, leitete.


Veranstalter des Symposiums am 17. und 18. November in Berlin war die Paul-Martini-Stiftung (PMS) in Verbindung mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Auf die etablierten Klassen von Psychopharmaka sprechen immerhin etwa zwei Drittel der Patienten mit schweren und mittelgradigen Verlaufsformen psychischer Erkrankungen an. Für das übrige Drittel richtet sich die Hoffnung auf neue Wirkstoffklassen.

In der Pharmazeutischen Industrie, in der derzeit nur vergleichsweise geringe Entwicklungsaktivitäten auf psychische Erkrankungen entfallen, kann es bald neuen Schub für mehr Innovationen geben. Das zeigte Dr. Siegfried Throm vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa), Berlin. Die Grundlage dafür seien u.a. Fortschritte in der Genforschung, der molekularen Aufklärung von Signalwegen und bei bildgebenden Diagnoseverfahren. Hierzu hätten insbesondere gemeinsame Forschungsprojekte von Wissenschaft und Industrie im Rahmen der Innovative Medicines Initiative beigetragen, die gemeinsam von der EU und der Industrie finanziert wird.

In den letzten Jahren wurde unter anderem die Bedeutung neuro-epigenetischer Prozesse für psychische Krankheiten herausgearbeitet, wie Prof. Dr. André Fischer (Universität Göttingen) erläuterte. Beispielsweise konnte im Tiermodell gezeigt werden, dass sich Kognition mit Inhibitoren der Histon-Deacetylasen – einer Gruppe von für epigenetische Genomveränderungen wichtigen Enzymen – verbessern lässt.

Repurposing

Manchmal zeigen neue Einsichten in die Pathophysiologie psychischer Erkrankungen auch, dass für bestimmte Indikationen zugelassene Medikamente erfolgreich auch für ein anderes Therapiegebiet umgewidmet werden können (Repurposing).

So könnte das zugelassene Diuretikum Spironolacton laut Prof. Dr. Moritz Rossner (LMU München) möglicherweise einen Beitrag zur Schizophrenie-Therapie leisten. Laut Prof. Dr. Josef Priller (Charité, Berlin) gehen schizophrene Psychosen auch mit (Auto-)Immunprozessen einher. Das deutet auf Behandlungsmöglichkeiten mit verfügbaren Immunmodulatoren hin. Zu diesen zählen als Add-On-Medikation beispielsweise nichtsteroidale Antiphlogistika und das zugelassene Antibiotikum Minocyclin, die die Aktivierung von Mikroglia verhindern können.

Laut Prof. Dr. Isabella Heuser (Charité, Berlin) ist für Minocyclin auch eine antide-pressive Anwendung vorstellbar, da auch bei Depressionen aktivierte Mikroglia eine Rolle zu spielen scheint. Gegen diese Krankheit wird zudem seit einigen Jahren von Pharmaunternehmen und Forschungsinstituten, neben anderen Wirkstoffen, das von einem Narkosemittel abgeleitete S-Ketamin erprobt, wie Dr. Michael Friede vom Unternehmen Lundbeck (Hamburg) ausführte.

Das bisher in der Geburtsmedizin eingesetzte Hormon Oxytocin hat ebenfalls Potenzial für die Psychiatrie. Seine vielfältigen Wirkungen scheinen laut Prof. Dr. Sabine Herpertz (Universität Heidelberg) adaptives Verhalten in der sozialen Umwelt zu fördern. Allerdings sei die Wirkung bei Männern und Frauen zum Teil konträr. In Studien habe Oxytocin zum Beispiel bei Patienten mit Persönlichkeitsstörungen oder sozialen Ängsten positive Effekte erzielt.

Ebenfalls lange schon für andere Zwecke zugelassen ist der Wachstumsfaktor Erythropoietin. Mit diesen lassen sich möglicherweise auch kognitive Defizite bei bestimmten psychischen Krankheiten lindern. Wie Prof. Dr. Dr. Hannelore Ehrenreich (MPI für Experimentelle Medizin und DFG-Forschungszentrum Göttingen) berichtete, regt es in Tierversuchen die Bildung neuer Neuronen und Oligodendrozyten aus Vorläuferzellen an. In klinischen Prüfungen hat es bei Patienten mit Schizophrenie oder affektiven Störungen positive Wirkungen auf Kognition gezeigt.

Zur Behandlung der Schizophrenie werden schließlich auch Medikamente mit Wirk-prinzipien erprobt, die bisher nur bei anderen psychischen Erkrankungen genutzt wurden; sie adressieren beispielsweise die glutamaterge oder GABAerge Neurotransmission. Weitere Fortschritte in der Schizophreniebehandlung seien aber vor allem durch früheren Therapiebeginn und bessere Abstimmung medikamentöser und nicht-medikamentöser Therapiemaßnahmen zu erzielen. Darüber berichtete Dr. Ludger Hargarter vom Unternehmen Janssen (Neuss).

Suchterkrankungen

Intensiv widmete sich das Symposium dem Thema Sucht. Bei deren Entwicklung spielen das Belohnungssystem und die Ausbildung automatisierter Gewohnheiten eine zentrale Rolle. Wie Prof. Dr. Rainer Spanagel (Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim) berichtete, führt Neuroadaption zu einer reduzierten Wirkung von nicht-drogenassoziierten Reizen und alternativen Belohnungen sowie erhöhter Stress-Reaktivität. An der Abhängigkeitsentwicklung sind laut Prof. Dr. Helge Frieling (MHH Hannover) auch epigenetische Prozesse beteiligt. Diese Erkenntnisse könnte zu neuen Biomarkern für Sucht und zu individualisierten Behandlungen führen.

Stand und Perspektive zur Alkoholabhängigkeit stellte Prof. Dr. Dr. Andreas Heinz (Charité, Berlin) vor. Drei zugelassene Medikamente unterstützten die Konsumreduktion bzw. Aufrechterhaltung der Abstinenz. Verhaltenstraining sei geeignet, intensiv positive Reaktionen auf die Verfügbarkeit von Alkoholika vermeiden zu lernen. Die Rolle von Baclofen (zugelassen zur Spastik-Therapie), das die Dopamin-Reaktion auf Alkohol dämpft, müsse weiter erforscht werden, ebenso die Eignung bestimmter Antiepileptika gegen Alkoholsucht.

Neue Ansatzpunkte bei Angst- und Depressionsstörungen

Für die Behandlung von Angst- und Depressionsstörungen konnten in den letzten Jahren neue Ansatzpunkte herausgearbeitet werden.

So haben glial/neuronale Interaktionen für die Wirkung von Antidepressiva eine Be-deutung, wie Prof. Dr. Rainer Rupprecht (Universität Regensburg) darstellte. Neue anxiolytische Medikamente könnten am Translokator-Protein (TSPO) ansetzen, das sich u.a. in steroidbildenden Zellen des zentralen Nervensystems findet. Der daran bindende experimentelle Wirkstoff XBD173 zeige in Probandenstudien im Unterschied zu Benzodiazepinen eine anxiolytische Wirkung ohne Sedierung oder Absetzphänomene auf.

Stress zählt zu den stärksten Risikofaktoren für die Entwicklung von Angst- und Depressionsstörungen. Stressfolgen lassen sich aber möglicherweise mit Antagonisten des Chaperon-Proteins FKBP5 inhibieren. In Tierversuchen haben sie erste vielversprechende Ergebnisse gezeigt, wie Prof. Dr. Dr. Elisabeth Binder (MPI für Psychiatrie, München) berichtete.

Nach Ausführungen von Prof. Dr. Johannes Kornhuber (Universität Erlangen) könnte das Ceramid-System und das darin aktive Enzym Acid Sphingomyelinase (ASM) ein wichtiger Ansatzpunkt für die Therapie der schweren Depression sein. Dafür spricht, dass viele tri- und tetrazyklische Antidepressiva dieses Enzym hemmen und dass hohe Ceramid-Konzentration im Tiermodell zu depressionsähnlichem Verhalten führt.

Prävention

Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg (Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim) betonte, wie wichtig es sei, psychischen Krankheiten künftig besser vorzubeugen. Dafür wesentliche Faktoren seien in bestimmten Umweltfaktoren, die auf das sich entwickelnde Gehirn einwirken, gefunden worden. Daraus ließen sich primärpräventive Ansätze ableiten.

Fazit

„Bei Autoimmun- und Krebserkrankungen ist es in den letzten Jahren durch Aufklärung der molekularen Pathomechanismen gelungen, wesentlich wirksamere Therapien zu entwickeln. Das Symposium zeigt, dass sich auch die Psychiatrie auf diesem Weg befindet. Dies macht Hoffnung, auch Patienten mit bisher therapierefraktären Erkrankungen künftig helfen zu können – immer in bestmöglicher Abstimmung und Ergänzung zu nicht-medikamentösen Therapien“, so Co-Leiter Prof. Dr. Stefan Endres (LMU München) abschließend.




https://idw-online.de/de/news684867

 

Köhler, Thomas: Pharmakotherapie in der Psychotherapie – Ein Kompendium für Psychologen und psychologische Psychotherapeuten

Pabst, 204 Seiten, ISBN 978-3-95853-205-2, 6. überarbeitete und erweiterte Aufl.









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