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26-07-17
Teufelskraut: Der Auf- und Abstieg des Tabaks

Kolumbus brachte den Tabak aus Amerika mit und konnte nicht ahnen, wie das "Teufelskraut" sich im Lauf der folgenden Jahrhunderte als Medikament und Genussmittel verbreiten würde. Allmählich löste der Tabak lukrative Geschäfte und fiskalische oder klerikale Verbote aus. Professor Dr. Hasso Spode (Berlin) berichtet über die "historische Anthropologie des Tabaks" in der aktuellen Ausgabe von "Rausch - Wiener Zeitschrift für Suchttherapie".


Spätestens im 17. Jahrhundert repräsentierte Tabak weltweit "den prestigeträchtigen, freiheitlichen, modernen Lebensstil der Europäer" - und wurde immer wieder geächtet.
 
"Am radikalsten ging man in 'orientalischen Despotien' vor. Der türkische Sultan Murad IV., ein starker Raki-Trinker, ließ 1633 die Kaffee- und Tabakhäuser als Brutstätten des Aufruhrs niederreißen; den Vorwand bot ihm eine Brandkatastrophe. Kaffeetrinker und Tabakraucher galten fortan als Staatsfeinde und wurden gepfählt oder geköpft. Es heißt, Murad sei inkognito durch die Gassen Konstantinopels geschlichen und habe den Ertappten eigenhändig den Kopf abgeschlagen. Bis er sich 1640 zu Tode trank, sollen hunderttausend Unbotmäßige hingerichtet worden sein, davon etwa ein Viertel Raucher. Das Hab und Gut der Opfer fiel dem Sultan zu, vor allem aber sah man sich in einem doppelten Abwehrkampf: gegen den inneren Zerfall des türkischen Reiches und gegen zersetzende westliche Einflüsse."
 
Russische Zaren, Despoten in China, Japan, Indien verfuhren vergleichbar. Der persische Schah Safi I., ein engagierter Opium- und Alkohol-Freund, befahl, Rauchern flüssiges Blei in den Hals zu gießen. Im Gegensatz zu Alkohol und Opium lässt Tabak den Konsumenten einen klaren Kopf und regt u.U. die Denktätigkeit an. Dies machte nach Einschätzung von Spode den Tabak bei Diktatoren verhasst.
 
In Europa wurde Tabak kontrovers eingeschätzt; die medizinischen Indikationen reichten anfänglich von Zahnschmerzen und Husten bis zu Würmern und der Pest. Anfänglich blieb Tabak den privilegierten Schichten vorbehalten, um sich allmählich in immer breiteren Schichten durchzusetzen. Die unterschiedlichen Formen des Tabakkonsums orientierten sich am sozialen Stand und finanzieller Potenz. Spode zeichnet anhand der widersprüchlichen Entwicklungen des Tabakkonsums Facetten der europäischen Sozialgeschichte - bis zum Niedergang des Tabaks im 21. Jahrhundert.




Hasso Spode: Teufelskraut. Zur historischen Anthropologie des Tabaks. In: Rausch 2/2017, Seite 5-29









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