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27-06-17
Sexueller Missbrauch im Sport: häufig und tabuisiert

Am Wochenende hat in Frankfurt am Main die bislang erste Anhörung von Betroffenen sexualisierter Gewalt im Sport stattgefunden. Das Hearing wurde von der Deutschen Sporthochschule Köln im Rahmen des von der EU geförderten Projektes VOICE in Kooperation mit der Deutschen Sportjugend im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) sowie dem Deutschen Kinderschutzbund (DKSB) Bundesverband e.V. durchgeführt.


Abschluss-Foto VOICE-Hearing (Foto: Teresa Odipo)

Fünf ehemalige Sportlerinnen und Sportler berichteten im Hearing über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt im Sport. Rund 50 ausgewählte Gäste aus dem Bereich des organisierten Sports, der Sportpolitik und dem Opferschutz hörten die Berichte der Betroffenen an, um daraus zu lernen und Konsequenzen für die Weiterentwicklung des Schutzes von Kindern und Jugendlichen im Sport zu ziehen.

Das EU-Projekt „Voices for truth and dignity“ verfolgt das Ziel, sexualisierte Gewalt im Sport wissenschaftlich aufzuarbeiten und rückt dabei die Erfahrungen der Betroffenen ins Zentrum. In allen acht beteiligten Ländern werden Interviews mit Betroffenen geführt und nationale Anhörungen ausgerichtet. „Ein besonderer und bewegender Tag“ – so das Fazit der Projektleiterin Dr. Bettina Rulofs, Sportsoziologin an der Deutschen Sporthochschule Köln. „Mit dem Hearing wollten wir eine vertrauensvolle Begegnung von Betroffenen und FunktionsträgerInnen im Sport ermöglichen. Die Betroffenen haben über ihre Gewalterfahrungen berichtet, sie wurden angehört und anerkannt. Für beide Seiten – die Betroffenen und die Sportorganisationen – ist dies ein wichtiger Schritt bei der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt.“

Beim Hearing sprach ein ehemaliger Fußballspieler eindrücklich davon, wie er seine Leidenschaft für den Fußball plötzlich verlor, als er in einem Trainingslager durch seinen Jugendtrainer einen sexuellen Übergriff erfuhr.

„Ich habe damals niemandem davon erzählt. Ich wollte nur noch weg von dem Verein. Jahrelang trug ich diese Erfahrung in mir. Jetzt ist es an der Zeit, darüber zu reden.“ – so die Aussage des früheren Fußballspielers.

Die Berichte der Betroffenen beim Hearing beziehen sich auf unterschiedliche Sportarten und verschiedene Zeiten. So waren z.B. auch ehemalige Leistungssportlerinnen aus der früheren DDR anwesend und berichteten über ihre Kindheit zwischen Leistungsdruck, Schmerzen, emotionaler, körperlicher und sexualisierter Gewalt. Eine der Betroffenen formulierte beim Hearing:

„Es hat niemand die Verantwortung übernommen, uns in diesem System zu schützen. Wir waren Kinder. Ich wünsche mir, dass unser Leid anerkannt wird und die Sportverbände sich dafür einsetzen, dass so etwas nie wieder passiert.“

Dass sexualisierte Übergriffe ein gesamtgesellschaftliches Problem sind, das auch nicht vor dem Sport halt macht, bestätigen Befunde einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln, des Universitätsklinikums Ulm und der Deutschen Sportjugend. Rund ein Drittel der befragten KaderathletInnen in Deutschland hat eine Form von sexualisierter Gewalt im Kontext des Sports erfahren, eine/r von neun schwere und/oder länger andauernde sexualisierte Gewalt. Nur wenige Betroffene finden den Mut, in der Öffentlichkeit oder im Rahmen eines organisierten Hearings über ihre Erfahrungen zu berichten. Einige der Mitwirkenden im Projekt VOICE blieben daher bei dem Hearing in Frankfurt anonym.

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, betonte in seiner Begrüßungsrede: „Ich danke den Sportlerinnen und Sportlern, die sich im Rahmen von VOICE mit ihren Erfahrungen anvertrauen und damit auch den vielen Betroffenen eine Stimme geben, die nicht die Kraft dazu haben. Der organisierte Sport hat als wichtiger gesellschaftlicher Player eine zentrale Verantwortung bei Aufarbeitung und Prävention und kann entschieden dazu beitragen, die Gesellschaft weiter zu sensibilisieren. Angesichts des enormen Ausmaßes von Kindesmissbrauch dürfen wir nicht nachlassen, den Kampf gegen diese perfide Gewalt dauerhaft und mit ganz anderen Mitteln zu führen. Mit der künftigen Bundesregierung möchte ich hierzu ein neues Kapitel aufschlagen, bei dem ich auch den Sport weiterhin als wichtigen Verbündeten sehe!“

Prof. Sabine Andresen, Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und Vizepräsidentin des DKSB Bundesverbandes e.V. übernahm die anspruchsvolle Aufgabe der Moderation des Hearings. Mit Hilfe ihrer Vermittlung tauschten sich die Beteiligten in Frankfurt auch dazu aus, welche Schlussfolgerungen aus den Berichten der Betroffenen zu ziehen seien. Einig waren sich die Teilnehmenden, dass auch im Sport das Schweigen über sexualisierte Gewalt gebrochen werden und eine systematische Aufarbeitung stattfinden müsse. Dazu gehören weitere Anhörungen und wissenschaftliche Untersuchungen zu den Fällen. Die Betroffenen und Opfer sowie Kinderschutzorganisationen fordern vor allem mehr Fachberatungsstellen sowie Ressourcen und Unterstützung beim Umgang mit den Folgen von sexualisierter Gewalt.

Die Deutsche Sportjugend setzt sich als Dachverband der Jugendorganisationen im Deutschen Olympischen Sportbund in den letzten Jahren verstärkt für den Schutz vor sexualisierter Gewalt ein.

Jan Holze, der Vorsitzende der Deutschen Sportjugend, resümiert zum Schluss des Hearings: „Der heutige Tag hat uns darin bestätigt, wie wichtig es für den gemeinnützig organisierten Sport ist, einen intensiven und partnerschaftlichen Dialog mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt zu führen. Wir bedanken uns bei allen, die den Mut aufgebracht haben, von ihren Erfahrungen zu berichten und so einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung der Präventionsaktivtäten im Sport leisten.“

Das Forschungsprojekt »VOICE« wird mit Mitteln der EU für eine Laufzeit von zweieinhalb Jahren gefördert (Jan. 2016 – Juni 2018). Die Leitung des Projektes liegt bei Dr. Bettina Rulofs und Gitta Axmann an der Deutschen Sporthochschule Köln. An dem Projekt sind Universitäten, Sportverbände und Opferschutzorganisationen aus acht europäischen Ländern beteiligt. In Deutschland wird das Projekt von der Deutschen Sportjugend und dem Deutschen Kinderschutzbund Bundesverband e.V. unterstützt.




https://idw-online.de/de/news677074









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